Im Jahr 2006 realisierten der Historiker Hannes Heer, der Designer Peter Schmidt (†2025) und der Musikjournalist Jürgen Kesting (†2026) an der Hamburgischen Staatsoper ein bis dato einmaliges Ausstellungsprojekt: Unter dem Titel „Verstummte Stimmen. Die Vertreibung der ‚Juden‘ aus der Oper 1933-1945“ nahm sie die nationalsozialistische Machtübernahme an einer Stätte bürgerlicher Hochkultur in den Blick und machte die Namen und Lebenswege derer öffentlich sichtbar, die Opfer der 1933 einsetzenden Verfolgung geworden waren: die Intendanten und Dramaturgen, Sänger und Sängerinnen, Schauspielerinnen und Schauspieler, die Angehörigen von Chor und Orchester wie der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des technischen- und des Verwaltungspersonals.
Der Erfolg der Schau führte zu einer wahren Flut an Nachfragen aus der gesamten Bundesrepublik, so dass aus dem Hamburger Projekt eine Wanderausstellung wurde: Unter der kuratorischen Leitung von Hannes Heer folgten im Jahr 2007 die Berliner Staatsoper Unter den Linden, im Jahr 2008 das Staatstheater Stuttgart, ein Jahr später das Staatstheater Darmstadt und im Jahr 2011 die Semperoper und das Staatsschauspiel Dresden. Im Jahr 2012 fand die Schau ihren Abschluss in Bayreuth, wo sie seither als umfangreiche Freiluft-Installation auf dem „Grünen Hügel“ der Richard-Wagner-Festspiele zu besichtigen ist.
Die zur Erforschung der Geschichte der verschiedenen Häuser notwendigen umfangreichen Recherchen in deutschen und internationalen Archiven orientierten sich dabei stets an zwei eng miteinander verknüpften Fragekomplexen: Zum einen ging es um die Rekonstruktion der Vorgeschichte wie der konkreten Abläufe der nach der Machtübernahme einsetzenden Vertreibungen von jüdischen und politisch missliebigen Angehörigen der Häuser, zum anderen um die möglichst detaillierte Rekonstruktion der Schicksale der Opfer. Konkret bedeutet dies 1. die Erforschung der genauen zeitlichen Abläufe der Machtübernahme an den Opernhäusern und der sich anschließenden massiven Säuberungswellen im Personal, 2. die Herausarbeitung der beteiligten lokalen, regionalen, institutionellen, politischen und gesellschaftlichen Strukturen sowie 3. der für einen solch massiven Eingriff nötigen personellen Netzwerke der Täter. Vor allem aber ging es 4. um die Auswirkungen der Vertreibungen auf die Lebenswege der Opfer: Wie hatten sie auf Kündigung, Berufsverbot und Arbeitslosigkeit reagiert? War ihnen die Flucht ins Exil geglückt und hatten sie sich dort eine neue Existenz aufbauen können? Hatten sie versucht, Nazi-Herrschaft und Krieg in Deutschland oder im besetzten Europa zu überleben, oder waren sie in Ghettos und Konzentrationslager deportiert und ermordet worden?
Im Rahmen der etwa siebenjährigen Forschungen gelang es, rund 270 dieser Schicksale sichtbar zu machen und den Opfern an ihren ehemaligen Wirkungsstätten einen Platz im öffentlichen Gedenken zu verschaffen. Viele dieser oft erstmals dem Vergessen entrissenen Opfer waren keine Prominenten, sondern Teil des Rückgrats eines jeden Opern- und Theaterbetriebs: Bühnentechniker und Theaterärzte, Chorsängerinnen und Orchestermusiker, Dramaturgen, Buchhalter und Garderobieren. Ihre Lebensgeschichten bildeten in Form von wissenschaftlich erarbeiteten Kurzbiografien den Kern der Ausstellung.
Diese nachholende Würdigung erhielt dort ein besonderes Gewicht, wo sich bequem gewordene Nachkriegserzählungen mit erstaunlicher Wirkungsmacht über historische Realitäten gelegt hatten. So ließ sich etwa im Fall der Opernhäuser in Darmstadt und Dresden nachweisen, dass die Machtübernahme an diesen Institutionen keineswegs nur auf äußeren Druck hin vollzogen worden war, sondern vielmehr von innen heraus stattgefunden hatte – mithilfe von bereits lange zuvor existierenden Nazi-Zellen innerhalb der Ensembles. Auch verliefen, anders als jahrzehntelang in der Literatur suggeriert, die „Säuberungen“ an den deutschen Bühnen weder langsamer noch vorsichtiger oder gar „rücksichtsvoller“ als in anderen Institutionen. Und schließlich erwiesen sich die Schilderungen von spektakulären Hilfs- und Rettungsaktionen oft als nachträglich konstruierte Narrative der Verharmlosung, Verschleierung und Entschuldung. Die durch die Ausstellung so hervorgerufenen Irritationen führten zu vielfältigen Debatten und zu nachhaltigen Veränderungen in den Erinnerungslandschaften der jeweiligen Orte, die auch 20 Jahre nach Beginn des Ausstellungsprojekts noch nachwirken.
Die Ergebnisse der Forschungen wurden nicht nur in Form der Ausstellung selbst einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt, sondern auch in Ausstellungskatalogen niedergelegt. Hinzu traten wissenschaftliche Konferenzen und Publikationen, die, vom Ausstellungskonzept ausgehend, den Blick auch auf andere Orte weiteten: So dokumentierte etwa ein 2011 publizierter Sammelband zur Vertreibung an den hessischen Theatern die Geschichte der jeweiligen Häuser in Frankfurt am Main, Wiesbaden, Kassel, Mainz und Gießen. Im Jahr 2013 erschien zudem ein in Forschung und Öffentlichkeit äußerst positiv aufgenommener Band, der die Beiträge namhafter Historiker und Musikwissenschaftler versammelte, die im Rahmen einer anlässlich der Eröffnung der Bayreuther Ausstellungsstation veranstalteten Konferenz den Themenkomplex „Die Bayreuther Festspiele und die ‚Juden‘ 1876 bis 1945“ diskutiert hatten.
„Wir wollen doch die Juden aussen lassen.“ Mit diesem Zitat hat Hannes Heer seinen Beitrag im Katalog der Bayreuther Station der „Verstummte Stimmen“ überschrieben. Die Äußerung entstammt einem Brief des Dirigenten Felix Mottl aus dem Jahr 1888 an Cosima Wagner, die Witwe Richard Wagners, die nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1883 zum Oberhaupt der Familiendynastie und zur Leiterin des Familienunternehmens, der Bayreuther Festspiele, geworden war. Mit dem Absender des Briefes verband sie eine langjährige Zusammenarbeit und eine enge Freundschaft: Mottl zählte zu ihren engsten Mitarbeitern in der Führungsspitze der Festspiele, dirigierte selbst zahlreiche Aufführungen im Festspielhaus und war zudem der Lehrer von Cosimas Sohn Siegfried, der als zukünftiges Oberhaupt der Familie vorgesehen war.
„Die Juden aussen lassen“ – in ihrer plakativen Einfachheit, vor allem aber in ihrer Beiläufigkeit belegt Mottls Äußerung vor allem eines: die Normalität, mit welcher der Antisemitismus bereits im 19. Jahrhundert nicht nur zum Bestandteil der bürgerlichen Vorstellungswelt gehörte, sondern zu einer Leitlinie des Alltagshandelns werden konnte.
Es war weniger dieser grundsätzliche Befund, der uns während der Recherchen zur Bayreuther Ausstellung überraschte, sondern vielmehr die Radikalität und Entschlossenheit, mit der die Wagner-Familie und der sie umgebende Beraterkreis ihre rassistischen und antisemitischen Überzeugungen bewusst und absichtsvoll zur Grundlage einer für Jahrzehnte gültigen „Firmenpolitik“ gemacht hatten. Die unter einer solchen Leitung stehende „Firma“, die Bayreuther Festspiele, waren dadurch im ausgehenden 19. Jahrhundert Medium und Kultstätte zur Verbreitung einer Weltanschauung geworden, die in einem Prozess zunehmender Radikalisierung nicht zwangsläufig, jedoch folgerichtig in der nationalsozialistischen Ideologie aufging. Dieser bislang weitgehend ausgeblendete Teil der Geschichte der Bayreuther Festspiele und der Wagner-Familie ist, wie bereits erwähnt, Gegenstand der seit 2012 im Festspielpark zu besichtigenden Ausstellung.
Die Trägerschaft für diese außergewöhnliche Installation liegt seither bei der Stadt Bayreuth, die dankenswerterweise auch für diese Website die Trägerschaft übernommen hat. Sie ermöglicht damit nicht nur die digitale Sicherung der Wissensbestände, sondern auch und vor allem die Fortführung des Projekts im digitalen Erinnerungsraum: Die Ergebnisse der Forschungen zu den einzelnen Ausstellungsstationen werden hier konzentriert, miteinander vernetzt und in zeitgemäßer Form einer breiten Öffentlichkeit präsentiert. Der multiperspektivische Zugang – die Biografien der Verfolgten lassen sich sowohl über die jeweilige Person wie über den jeweiligen Ort erschließen – ermöglicht es dabei, Überschneidungen in den Lebenswegen, personelle Netzwerke und strukturelle Parallelen oder Unterschiede in den Verfolgungsschicksalen anschaulich sichtbar und nachhaltig verständlich zu machen.
Zugleich bleiben physischer und digitaler Erinnerungsort miteinander in Kontakt: Auf den Stelen im Bayreuther Festspielpark finden sich QR-Codes, die direkt auf die jeweilige Biografie um Verstummte-Stimmen-Portal verweisen. Auch die am Digitalprojekt beteiligten Bühnen – die Hamburgische Staatsoper, die Berliner Staatsoper Unter den Linden, die Sächsischen Staatstheater Dresden und die Staatstheater Stuttgart – haben Wege gefunden, in ihren Häusern auf das Portal zu verweisen und so eine dauerhafte Erinnerungsbrücke zu den aus ihren Institutionen Vertriebenen zu etablieren. Als besonders beeindruckend erwies sich in diesem Zusammenhang die Unterstützung des Projekts durch die heutigen Künstlerinnen und Künstler, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Häuser in Berlin, Hamburg, Dresden und Stuttgart, die ihre Zeit, ihre Empathie und ihre Stimmen zur Verfügung stellten, um die Biografien der Vertreibungsopfer einzulesen. Das dabei zutage tretende Engagement war überwältigend und zeigt zugleich das Bedürfnis wie die Notwendigkeit authentischer und gelebter Erinnerung am konkreten Ort – physisch wie digital.
Hamburg im Juli 2026
Sven Fritz & Jens Geiger-Kiran