Die Hamburger Oper, Deutschlands ältestes öffentliches Opernhaus, gehörte in den 1920er Jahren zu den führenden deutschen Bühnen. Zwar war das Stadttheater, wie es damals hieß, nicht so experimentierfreudig wie die Leipziger Oper und verfügte über kein Starensemble wie die Berliner Häuser. Aber der Intendant Leopold Sachse wie der Generalmusikdirektor Egon Pollak gehörten zu den ersten ihres Faches und hatten auch international einen guten Ruf. Dennoch stand das Opernhaus, dessen Aktien zur Hälfte, die Immobilien ganz im Besitz des Hamburger Staates waren, der über den Aufsichtsrat bzw. einen Staatskommissar direkten Einfluss auf die Geschäfte ausübte, ständig im Zentrum der öffentlichen Kritik.
Anlass waren ökonomische Probleme, die sich ab 1929/30 dramatisch verschärften, und Fragen des Spielplans. Jedes moderne Stück stieß auf schärfste Kritik des rechtskonservativen Bürgertums: Hindemiths 1925 aufgeführter Einakter Sancta Susanna musste abgesetzt werden und Strawinskys Geschichte vom Soldaten führte zu Störungen schon in der Premiere. Die Hamburger Nachrichten, das Organ dieses rechtskonservativen Protestes, attackierten seitdem die an „Experimenten“ statt an „Tradition“ orientierte, „subjektiven Liebhabereien“ statt einem „universalen Programm“ folgende, „verderbliche Kunstpolitik“ des Hauses und forderten seit 1926 den Rücktritt des Intendanten. Sie warfen ihm wie seinem Generalmusikdirektor Bereicherung durch zu hohe Bezüge und Verschwendung von Gastspielgagen vor. Zwei Jahre zuvor hatte das Blatt durch einen schlimmen antisemitischen Hetzartikel gegen den jüdischen Schauspieler Arnold Marlé einen Skandal in der Stadt ausgelöst. Daher operierte es vorsichtig und sprach nicht offen aus, was seine Leser wussten – Sachse und Pollak waren, wie die genannten Gäste, Juden.
Solche Vorsicht war nicht Sache der Nationalsozialisten. In ihrer ab 1931 täglich erscheinenden Zeitung Hamburger Tageblatt waren die „verjudeten Theater“ der Stadt ständiges Thema. Während beim Deutschen Schauspielhaus und im Thalia Theater das künstlerische Personal „zu einem sehr hohen Prozentsatz“ als jüdisch ausgemacht wurde, bestand der Skandal beim Opernhaus vor allem darin, dass die Leitung jüdisch war: Von dieser „Domäne des jüdischen Intendanten Sachse und der hebräischen Dirigenten Pollak und Wolff“ könne man die „Verwirklichung des Ideals einer deutschen Opernbühne“ nicht erwarten. Obwohl es „kulturpsychologisch“ durchaus von Interesse sei, „einmal festzustellen, wie sich die deutsche Opernkultur in hebräischen Gehirnen spiegelt“, komme es auf praktische Konsequenzen an: „Wir hielten und halten es für einen unmöglichen Zustand, daß – Fähigkeiten hin, Fähigkeiten her – ein Jude eine deutsche Opernbühne leitet.“ In diesen Angriffen trat die Grundüberzeugung der Nazis offen zutage, daß jede Kunstproduktion an die Rasse gebunden sei. Juden könnten also die Kunstwerke der großen Deutschen nicht verstehen und erst recht nicht reproduzieren. Der erste, der auf diese rassistische Hetze reagierte, war der Generalmusikdirektor Egon Pollak: Im Juni 1931 kündigte er seinen Vertrag und ging an die Oper von Chicago. Das Hamburger Tageblatt zeigte sich hoch erfreut und legte Mitte Juli 1931 noch einmal nach: „Von dieser Bühne, der Domäne [….] des jüdischen Intendanten Sachse und der hebräischen Dirigenten Pollak und Wolff – von dieser Bühne die Verwirklichung des Ideals einer deutschen Opernbühne zu verlangen: das ist wohl zuviel verlangt. Das Ausscheiden Pollaks bedeutet hier natürlich eine Hoffnung; wir würden nichts mehr begrüßen, als wenn ihm so bald wie möglich die Herren Sachse, Wolff und einige andere folgen würden. [….] Dieses Endziel wird sich freilich erst im nationalsozialistischen Staat verwirklichen lassen. Was heute erreicht werden kann, sind nur Zwischenlösungen.“
Die Prognose des Naziblattes erwies sich als zu zurückhaltend: Kurz nach diesem Artikel wurde Leopold Sachse im Herbst 1931 seines Intendantenpostens enthoben und zum Oberspielleiter degradiert. Die Leitung des Hauses übernahm kommissarisch der bisherige Verwaltungsdirektor Albert Ruch. Nachfolger Pollaks als Generalmusikdirektor wurde Karl Böhm, dessen Aufstieg nach dem Sieg der Nazis 1933 einsetzen sollte.
Die Hamburger NSDAP war in den ersten Jahren ihres Bestehens eine sektiererische Gruppierung gewesen – radikal antisemitisch, auf die Arbeiterschaft orientiert und intern zerstritten. Ihre Konsolidierung setzte erst ein, als im April 1929 der im rechtsradikalen Gewaltmilieu der Freikorps sozialisierte und für die NSDAP im Ruhrgebiet erfolgreiche Karl Kaufmann als Hamburger Gauleiter eingesetzt wurde. Er beendete die Richtungskämpfe und warb verstärkt – wenn auch mit relativ geringem Erfolg – um die Stimmen des Bürgertums. Den Aufstieg zur Massenpartei verdankte die Hitlerbewegung allerdings dem durch die Wirtschaftskrise ausgelösten Elend der Arbeitslosigkeit und der Unfähigkeit der demokratischen Parteien, darauf eine Antwort zu finden. Der Triumph bei den Reichstagwahlen im September 1930, durch den die NSDAP zur zweitstärksten Fraktion im Reichstag wurde, war auch an den Ergebnissen in Hamburg abzulesen: Rund jeder fünfte Wähler hatte den Nazis seine Stimme gegeben. Dieses Ergebnis konnte die Partei bei den Bürgerschaftswahlen im September 1931 sogar noch steigern: Statt der bisherigen drei agierten jetzt 43 nationalsozialistische Abgeordnete im Stadtparlament. Der von den demokratischen Parteien getragene Senat hatte keine Mehrheit mehr und blieb nur noch geschäftsführend im Amt. Diese Situation wurde bei den Bürgerschaftswahlen im Frühjahr 1932 dramatisch bestätigt: Die NSDAP war in Hamburg zur stärksten Partei geworden.
Der Senat, der kommissarisch und mit Notverordnungen weiterregierte, rettete sich in eine heimliche große Koalition mit der NSDAP – ohne sie ging nichts mehr in der Stadt. Das zeigte sich nicht zuletzt in der Kultur. Während es der Partei in der großen Politik nur darum ging, den Kollaps des demokratischen Staates und des von den Versailler Siegermächten aufgezwungenen Wirtschaftssystems möglichst rasch herbeizuführen, konnte hier, in Theater und Oper, schon konstruktiv mit der „inneren Erneuerung“ des deutschen Volkes begonnen werden: durch die „Säuberung“ der Spielpläne von den „international geschminkten Konjunkturstücken“ und den Produkten einheimischer „Asphaltliteraten“, vor allem aber durch die Bekämpfung aller „jüdischen Entwurzelungsversuche“, im Klartext – durch die Entfernung der Juden. Demokratische Politiker wie Leo Lippmannn, der Leiter der Finanzverwaltung und Staatskommissar für die Oper, versuchten, die Nationalsozialisten einzubinden und damit zu zähmen. „Nicht zum wenigsten auf meine Veranlassung“, berichtete er später, wurden im Frühjahr 1932 die NSDAP-Bürgerschaftsabgeordneten Walter Raeke und Gustav Gruppe in den Aufsichtsrat der Oper kooptiert. Die fatalen Folgen zeigten sich nur zu bald.
Als zum Ende der Spielzeit alle Solistenverträge am Haus gekündigt wurden, um neue mit niedrigeren Gagen und verkürzten Laufzeiten abzuschließen, wurden die Engagements des seit Jahrzehnten am Hause tätigen Kapellmeisters Werner Wolff wie der Sängerinnen Emmy Land, Helene Falk und Anny Münchow nicht verlängert. Ebenfalls entlassen wurde die Chorsängerin Camilla Fuchs und der Hornist Bruno Wolf. Auch bezüglich der immer wieder verschobenen Wahl eines neuen Intendanten gab es jetzt eine klare Absprache. Wie der an dieser Entscheidung beteiligte Leo Lippmann, selbst ein Jude und mit dem bisherigen Intendanten befreundet, in seinen Erinnerungen berichtet, durfte „kein Jude und kein irgendwie politisch gefärbter Intendant“ gewählt werden. Am 19. Januar 1933, elf Tage vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, war schließlich ein geeigneter Kandidat gefunden: Der vom Stadttheater Aachen kommende, 37 Jahre alte Heinrich Karl Strohm übernahm die Leitung des Hauses, weil er sich in keine Richtung exponiert hatte und daher als Kompromisskandidat des Aufsichtsrates fungierte. Wenige Wochen später begannen am Stadttheater die Vertreibungen.
Bei den letzten Reichstagswahlen am 5. März 1933 hatte die NSDAP reichsweit 44 Prozent der Stimmen erhalten, in Hamburg hatte mehr als ein Drittel der Wähler für Hitler votiert. Mit diesem Erfolg im Rücken war am 8. März der Weg frei für die Bildung eines neuen Senates. Dem Modell der Reichsregierung folgend, präsentierte er sich als eine Koalition aller politischen Kräfte unter Ausschluss der Linksparteien. Tatsächlich begannen die Nazis im Schutz dieser Fassade und gestützt auf das Ermächtigungsgesetz sofort mit dem „Umbau“ von Staat und Gesellschaft. Innerhalb eines Jahres waren die Landesregierungen und Landesparlamente aufgelöst, der Reichstag zur Akklamationsbühne degradiert und die NSDAP zur einzigen, zur Staatspartei geworden. Die Juden waren aus dem öffentlichen Leben weitgehend verschwunden.
Den Prolog bildete der von der Partei in ganz Deutschland organisierte gewaltsame Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933, der als „Abwehrkampf“ gegen eine angebliche „internationale jüdische Gräuel- und Boykotthetze“ deklariert wurde. Begleitet von einer antisemitischen Presseerklärung des neuen Senats, marschierten Posten der Hamburger SA vor den Geschäften auf, beschmierten die Scheiben und attackierten jüdische Passanten. Im Grindelviertel kam es während des ganzen Frühjahrs zu regelrechten „Judenjagden“. In Hamburg lebten damals 17 000 Juden, etwa 1,4 Prozent der Bevölkerung. Die erste einschneidende, weil gesetzliche Maßnahme der neuen Reichsregierung war das am 7. April erlassene Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Es ermöglichte die Entlassung politisch unliebsamer Beamter und befahl die Entfernung derjenigen, die „nicht arischer Abstammung“ waren. Hunderte von Juden wurden aus dem Hamburger Staatsdienst – vor allem an Universitäten und Schulen – entlassen. Aber auch jüdische Rechtsanwälte und Ärzte verloren ihre Zulassung. An den Theatern begann eine zweite Welle der Vertreibung.
Während das Hamburger Tageblatt reißerisch titelte „Die Reinigung des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg. Alle Juden entlassen!“, erfolgten die Maßnahmen am Opernhaus – mit Rücksicht auf das bürgerliche Publikum – geräuschloser und in Etappen. Schon vor Bekanntgabe des Gesetzes war in der Person des Oberspielleiters Leopold Sachse die Leitung beseitigt worden. Für die Nationalsozialisten war er nicht nur das Symbol eines „verjudeten“ Opernbetriebes, sondern der degradierte Intendant galt ihnen noch immer als der heimliche Fädenzieher an der Dammtorstraße. Mit ihm musste der Kapellmeister Georg Singer gehen. Im Mai, während die Suchkommandos in Buchhandlungen und Leihbüchereien „jüdisch-bolschewistische“ Literatur beschlagnahmten, um sie dem „reinigenden Feuer“ zu übergeben, wurden zwei der dienstältesten Solisten der Oper gekündigt: Paul Schwarz, weil er sich als Jude angeblich nicht in die Figuren Richard Wagners „hineinfühlen“ könne, und der nicht jüdische Ferdinand Christophory, weil er als Gewerkschafter die Rechte der Ensemblemitglieder vertreten hatte. Auch die mit einem jüdischen Musiker verheiratete Sängerin Maria Hussa, die Orchestermitglieder Bertha Dehn und Bruno Wolf sowie das Chormitglied Mauritz Kapper wurden zwangspensioniert. Die Entlassungen im technischen- und Verwaltungspersonal hingegen lassen sich bislang nicht rekonstruieren. Die vier Theaterärzte Julius Michelson, Max Fraenkel, Richard Sachs und Georg Lachmann wurden durch „arische“ Ärzte ersetzt.
Die Oper spielte in der nationalsozialistischen Kulturpolitik eine bedeutende Rolle. Das bezeugt nicht nur Hitlers Begeisterung für diese Kunstgattung. Die Musik, so Hamburgs neuer Bürgermeister Vincent Krogmann bei der Eröffnung des Reichs-Brahmsfestes im Mai 1933, „sei diejenige Kunst, welche unter Umgehung des Geistes unmittelbar auf das Gemüt wirkt.“ Sie ließ sich also, als Kunst der Überwältigung, politisch instrumentalisieren. Diese Funktion meinte der Intendant Heinrich K. Strohm, als er im Hamburger Tageblatt erklärte, vor allem das Musiktheater mit seinen zur Identifikation einladenden Figuren könne „die engste Verbindung zum Volke“ finden und dessen innere Zerrissenheit in einem neuen „Gemeinschaftsgefühl“ überwinden. Es verwundert daher nicht, dass die Kontrolle des Opernhauses – nach der Ablösung des bisherigen jüdischen Staatskommissars Leo Lippmann – im entscheidenden Jahr 1933/34 nicht irgendein NS-Funktionär, sondern Georg Ahrens, der zweitmächtigste Mann in Hamburg, übernahm. Er war der für Personal und Verwaltung zuständige Entscheidungsträger der Nationalsozialisten in der Stadt und blieb bis zum Ende des Dritten Reiches der Stellvertreter und Vertraute des Gauleiters und Reichstatthalters Karl Kaufmann.
Die wichtigste Aufgabe der neuen Machthaber bestand zunächst darin, den Spielplan von zwar erfolgreichen, aber ausländischen und jüdischen Produktionen – etwa Adolphe Adams Postillon von Lonjumeau oder Jacques Offenbachs Großherzogin von Gerolstein – zu „reinigen“. Dann galt es, die vermeintlichen Entstellungen aus der Ära Sachse, also vor allem dessen Wagner-Inszenierungen, zu korrigieren oder zu ersetzen. Danach blieb nur noch der Ausschluss der letzten jüdischen Ensemblemitglieder: die Sopranistin Rose Book und der Bassist Julius Gutmann mußten im Frühjahr 1934 das Haus verlassen und aus dem Opernchor wurden Szlama Fischl, Donis Kant, Leo Lanzoni und Kurt Salnik entlassen. Auch der Leiter der Opernwerkstatt, Jakob Kaufmann, verlor seine Anstellung.
Nur an eine Künstlerin wagte man sich noch nicht heran – an die international bekannte Wagner-Interpretin und Primadonna des Hauses, Sabine Kalter. Im NS-Organ Hamburger Tageblatt gab es keinen der sonst üblichen Hetzartikel, sie sei als Jüdin unfähig, dem Geist des Bayreuther Meisters musikalischen Ausdruck zu verleihen. Dennoch war ihr Schicksal von Beginn an entschieden.
Als sie am 6. April 1933 in der Premiere von Verdis Macbeth die Lady sang, bekam sie schon nach ihrer ersten Arie nach Presseberichten „demonstrativen Applaus“. Einen Tag vorher war sie zusammen mit anderen „jüdischen Künstlern“ von der Teilnahme an dem für Mai geplanten Reichs-Brahmsfest vertragswidrig ausgeschlossen und durch „deutschstämmige Künstler“ ersetzt worden. Desungeachtet durfte sie in der Folgezeit sogar bei Festveranstaltungen von NS-Organisationen und an „nationalen Feiertagen“ auftreten. Am 22. November 1934 jedoch entschied dann der Aufsichtsrat der Staatsoper: „Eine weitere Verpflichtung kommt nicht in Frage.“ Am 5. Januar 1935 stand sie zum letzten Mal auf der Bühne. Es soll zu organisierten Störungen aus dem Publikum und gleichzeitigen Zustimmungsbekundungen gekommen sein. Am nächsten Tag floh Sabine Kalter ins Exil nach London.
Wer nicht in der Vertreibungswelle von 1935 entlassen wurde, verblieb am Haus nur auf Grundlage des prekären Schutzes von jederzeit widerrufbaren Sondergenehmigungen, oder weil die Nationalsozialisten noch nicht aufmerksam geworden waren. Dies galt etwa für die Mezzosopranistin Hedy Gura, die, obgleich „Mischling 1. Grades“, durch die lokale NS-Elite protegiert wurde und weiterhin auftreten durfte. Zunächst unbehelligt blieb auch der Tenor Hans Grahl, der als einer der schillernden Stars des Hauses galt. Doch als die Gestapo 1937 auf seine Homosexualität aufmerksam wurde, endete seine Karriere in Hamburg: Er wurde kurzzeitig inhaftiert und musste danach in die Provinz ausweichen. Der Tenor Wladislaw Ladis wiederum war erst 1935 mit einem Dreijahresvertrag an die Oper engagiert worden – möglicherweise war den Nationalsozialisten entgangen, dass es sich bei ihm um den Bruder des weltberühmten Jan Kiepura handelte. So blieb Ladis bis 1938 in Hamburg, ging dann an die Mailänder Scala und floh 1939 in die USA. Die Hamburgische Staatsoper war jetzt endgültig und ohne Widerstand „judenfrei“.