Mitte der 1920er Jahre kam es zu einer umfassenden Neuordnung der drei in die Krise geratenen Berliner Opernhäuser. Dieser vom preußischen Kultusministerium veranlasste Eingriff trug einen Namen – Heinz Tietjen. Der 1881 in Tanger als Sohn eines Diplomaten geborene Dirigent, Regisseur und Intendant wurde nach Stationen in Trier und Breslau 1925 zum Leiter der Städtischen Oper Charlottenburg berufen. Das vor dem Krieg von begüterten Charlottenburger Kreisen gegründete Privattheater hatte in den Jahren der Inflation sein Publikum und 1923 den Intendanten verloren. Zusammen mit dem Dirigenten Bruno Walter führte der neue Leiter das Haus aus der Krise. Auch die Staatsoper Unter den Linden war seit 1925 ohne Führung. Der nationalkonservative Intendant Max von Schillings hatte die ehemalige Hofoper, dank des furiosen Generalmusikdirektors Erich Kleiber und einer vorsichtigen Erneuerung, zu einem Mittelpunkt des deutschen Opernlebens gemacht. Aber er scheiterte an den Haushaltsdefiziten, am eigenen Starrsinn und am Problemfall Krolloper: Diese dem Haus seit 1924 angeschlossene Filiale hatte als Abladeplatz eines verbilligten Repertoires kein Profil gewonnen. Schillings musste gehen. Sein Nachfolger hieß Tietjen. Dieser behielt bis auf Weiteres nicht nur die Leitung der Städtischen Oper, sondern wurde 1927 auch Generalintendant der preußischen Staatstheater und damit der mächtigste Theatermann in der Endphase der Weimarer Republik.
Der Favorit des sozialdemokratisch geführten Kultusministeriums durfte das Drehbuch dieses Aufstiegs selbst verfassen. In einer Denkschrift hatte Tietjen die Bestellung eines Generalintendanten als Leiter einer künftig selbstständigen Krolloper und der Staatsoper gefordert sowie deren beider Funktionen festgelegt. Während er das Haus Unter den Linden als Ort der „großen Linie“ definierte, als „Musterinstitut“, auf das sich „die Augen der ganzen musikalischen Welt richten können“, sollte die Krolloper am Platz der Republik ihrem Auftrag der „sozialen Kunstpflege“ nachkommen und sich zugleich „künstlerisch spezialisieren“. Deshalb, so Tietjen, müsste ihr künftiger Leiter „ein Musiker größten Formats“ sein. Der Mann, auf den das zutraf, war schon gefunden – Otto Klemperer. Der Dirigent trat 1927 sein Amt als Operndirektor der Krolloper an und machte diese zum stilbildenden Laboratorium des modernen Musiktheaters.
Klemperer war weniger ein Exponent der Avantgarde, als ein Kritiker der bestehenden Oper, deren Form erstarrter Repräsentation wie des niedrigen Niveaus der Aufführungen. Er wollte etwas anderes – „ein vom Schmutz des Repertoire-Theaters unberührtes und von dem Glanz einer neuen Richtung erhelltes Theater“. Daher beschränkte sich der Spielplan auf wenige Opern, die sorgfältig erarbeitet wurden – in Bühnenbildern von Künstlern wie Ewald Dülberg, Oskar Schlemmer, László Moholy-Nagy und unter Theaterregisseuren wie Ernst Legal, Jürgen Fehling, Gustaf Gründgens. Ob es sich um Standardwerke wie Fidelio, Rigoletto, Der fliegende Holländer, Hoffmanns Erzählungen oder die Zeitopern von Hindemith, Schönberg, Krenek handelte, die Aufführungen wurden zum Ereignis und elektrisierten die Intellektuellen der Republik. Der Philosoph Ernst Bloch notierte damals: „Nirgends brennen wir genauer“. Und ein prominenter Musikkritiker, Hans Heinz Stuckenschmidt, erinnerte sich später: „Man applaudierte wild, man protestierte pfeifend und grölend, aber man schwieg nicht. Man war getroffen. […] Wer dabei war, hat den Geist des 20. Jahrhunderts gespürt.“
Die NSDAP hatte 1928 bei den Reichstagswahlen nur 2,6 % der Stimmen und 12 Sitze im Parlament erhalten, war also nicht mehr als eine rechtsradikale Splitterpartei. Den Aufstieg zur Massenpartei verdankte sie vor allem der von der Wirtschaftskrise ausgelösten Lawine der Arbeitslosen: Von 1928 bis 1930 stieg deren Zahl von 1,3 auf mehr als 3 Millionen. Jeder vierte Deutsche war ohne Arbeit. Die demokratischen Parteien wussten dagegen kein Rezept und bekamen bei den Reichstagswahlen im September 1930 die Quittung – die Partei Hitlers erhielt 18,3 % der Stimmen und wurde mit 107 Sitzen zweitstärkste Fraktion im Reichstag. Eine normale Regierungsbildung misslang. Der neue Reichskanzler Heinrich Brüning führte ein Minderheitskabinett, das ohne parlamentarische Basis von der Zustimmung des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg abhängig war und mit Notverordnungen regierte. So kam zur sozialen auch noch die politische Krise: Die Demokratie schaffte sich selbst ab.
Der Erfolg der Nazis war aber auch das Ergebnis der wirkungsvollen Politik ihrer Führung. Hitler trieb die traditionellen Rechtsparteien vor sich her und nahm ihnen die Wähler. Goebbels, seit Ende 1926 Gauleiter in Berlin, entwickelte dort eine erfolgreiche Doppelstrategie: Der gegen Juden und Kommunisten gerichtete Straßenterror seiner 2000 SA-Männer imponierte dem abstiegsbedrohten Kleinbürgertum; gleichzeitig radikalisierte er mit seiner nur dem Stürmer vergleichbaren Zeitung
Der Angriff einen Kulturkampf, der ihm auch die Sympathien von Teilen des konservativen Bürgertums eintrug. Im Zentrum seiner Hetze standen die „verjudeten“ und „von Ausländern regierten“ Berliner Theater, allen voran die Krolloper und deren Direktor Otto Klemperer. Leute wie er, die als Juden „von deutscher Kunst überhaupt keine Ahnung […] haben können“, würden „mit ihren talmudischen Spitzfindigkeiten und Experimenten auf der deutschen dramatischen Kunst herumschmarotzen“ und diese „vergewaltigen“. Nur ihr „Verschwinden“ bringe Rettung. Im März 1931 beschlossen die Rechtsparteien im preußischen Landtag, bei Stimmenthaltung der SPD, die Schließung der Krolloper. Die 380 Gekündigten waren die ersten Opfer der Säuberung an den deutschen Theatern.
1932 bestimmte die NSDAP längst die Politik in Deutschland. Bei vier Reichstags- und Reichspräsidentenwahlen hatten durchschnittlich ein Drittel der Wahlberechtigten Hitler ihre Stimme gegeben. Er war jetzt der umworbene Gesprächspartner der sich rasch abwechselnden Kanzler und eines vergreisten Reichspräsidenten, die ihn in eine Koalitionsregierung einzubinden versuchten. Aber Hitler wollte die ganze Macht. Seine Partei war mittlerweile in fast allen Landtagen zur stärksten Fraktion geworden, seit April 1932 auch im Parlament des größten deutschen Teilstaats, in Preußen. Dort beantragte die NSDAP im Juni, Ausländer und Juden an den Theatern zu kündigen bzw. nicht mehr einzustellen. Als Beispiel dieses angeblichen Kulturverfalls diente die Berliner Staatsoper mit ihren ausländischen und jüdischen Solisten. Der Antrag wurde angenommen und drei Monate später erweitert: Das Kultusministerium sollte die Zahl der Juden und Ausländer an allen preußischen Staatstheatern ermitteln.
Deren Generalintendant Tietjen hatte sich längst auf die neuen Machtverhältnisse eingestellt. Seit 1931 war er künstlerischer Leiter der Bayreuther Festspiele und mit Winifred Wagner auch privat verbunden. Er hatte Hitler kennen gelernt und stand in Kontakt mit dessen Berliner Statthalter Göring.
Als Hitlers Kabinett nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 mit der Verordnung zum Schutz von Volk und Staat die wichtigsten Grundrechte außer Kraft gesetzt hatte und Göring, der kommissarische preußische Innenminister, seine Polizei auf die zu Brandstiftern erklärten Kommunisten losließ, wurde erstmals deutlich, was der neue Staat unter Ausmerzung des politischen Gegners verstand. Einen Monat später zeigte sich, dass auch das Schlagwort vom Kampf gegen die Verjudung Deutschlands ernst gemeint war. Am 1. April blockierten SA-Trupps jüdische Läden, Anwaltsbüros und Arztpraxen. Im Berliner Scheunenviertel kam es zu Razzien. Das am 7. April erlassene Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums ermöglichte die legale Entlassung nichtarischer, aber auch politisch missliebiger Beamter. Danach verebbte die Welle spontaner Aktionen auch an den Theatern, wo von Kommandos des Kampfbundes für deutsche Kultur und der SA jüdische oder als judenfreundlich geltende Intendanten und Dirigenten wie Carl Ebert, Otto Klemperer, Bruno Walter und Fritz Busch vertrieben worden waren.
Göring hatte sich schon im März gegen diese „wilden“ Entlassungen ausgesprochen und eine „planmäßige Reinigungsaktion“ angekündigt. Im April zum preußischen Ministerpräsidenten ernannt, machte er sich durch einen neugeschaffenen Theaterausschuss zum Herren aller Stadttheater und bald auch der Staatstheater des Landes. Schon vor dem 30. Januar 1933 hatte er Tietjen das Verbleiben im Amt des preußischen Generalintendanten zugesichert – jetzt war er dessen Chef. Göring entschied, wer an der Staatsoper und am Schauspielhaus entlassen wurde, aber Tietjen lieferte ihm die Kündigungsliste. Sie stammte von der seit September 1932 an beiden Häusern bestehenden, mehr als 100 Mitglieder zählenden Nationalsozialistischen Betriebszelle NSBO. Deren Gründer und Obmann Karl Köhler hatte sich dem Intendanten 1931 in Bayreuth als Nationalsozialist vorgestellt und sich um einen Posten beworben. Ein Jahr später war er von Tietjen als Hilfskorrepetitor nach Berlin geholt worden. Die hauseigene Judenliste nannte 43 Personen: 32 waren Mitglieder der Oper, je fünf gehörten zum Ballett und zum Schauspielhaus, einer war Bühnenarbeiter. Fünf Namen trugen den Zusatz „fraglich“, vier waren durchgestrichen.
Am 1. Juni wurden von dieser Liste 29 Angehörige von Staatsoper und Schauspielhaus aufgrund des Berufsbeamtengesetzes entlassen. 18 davon waren Angehörige der Oper: der Generalmusikdirektor Otto Klemperer, die Kapellmeister Fritz Zweig und Hans Zander, die Korrepetitoren Kurt Prerauer, Paul Gergely, Hans Weigert, Ernst Jokl, der Hilfsregisseur Bruno Schwoch, der Leiter der Pressestelle Ferdinand Heltai, die Sängerinnen Tilly de Garmo, Else Fink, Lotte Schöne und der Sänger Marcel Noé, die Chormitglieder Josef Brotmann, Georg Katz, Max Lexandrowitsch sowie die Orchestermusiker Jacques Müller und Alfred Krips. Ohne formelle Kündigung waren der Theaterarzt Dr. Paul Frank und der Kapellmeister Richard Lert ausgeschieden. Der Tischler und langjährige Betriebsrat Karl Schade wurde aus politischen Gründen entlassen. Beim Ballett erfolgten drei, am Schauspielhaus acht Kündigungen. Die 21 Entlassungen an der Oper waren bei einem Gespräch Heinz Tietjens und Wilhelm Furtwänglers mit Göring abgesprochen worden. Furtwängler war 1933 als Operndirektor an die Spitze der Staatsoper berufen worden – er diente bis Ende 1934 als prominenter Paravent der Verfolgung.
Göring hatte zwar den Machtkampf mit Goebbels um die Kontrolle der deutschen Bühnen durch die Gründung der Reichskulturkammer und das folgende Reichstheatergesetz verloren. Aber er ließ sich 1934 die persönliche Verfügung über die preußischen Staatstheater ausdrücklich bestätigen. Er wollte mit diesem Rest ordentlich wuchern. Die Oper Unter den Linden und das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt sollten, so schrieb er an Tietjen, „die führenden Bühnen des Reiches sein“, die nach Spielplan und Darbietung „als Musterinstitute zu gelten haben“. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, sollten beide Bühnen über „die besten Künstler“ verfügen, die innerhalb „der zur Verfügung stehenden Mittel“ verpflichtet werden könnten. Für die beiden Intendanten Heinz Tietjen und Gustaf Gründgens hieß das, aus dem Vollen zu schöpfen. Das bedeutete auch, wie sich zeigte, Spielräume bei der Handhabung des Arierparagraphen. Schon im Mai 1933 hatte Göring es Tietjen und Furtwängler erlaubt, drei prominente Juden – den Dirigenten Leo Blech sowie die Sänger Emanuel List und Alexander Kipnis – weiter zu beschäftigen. Aber er zeigte sich auch gegenüber arischen Starsolisten wie Frida Leider oder Karl August Neumann, die mit jüdischen Partnern verheiratet waren, großzügig. Unbekanntere Solisten wie Violetta de Strozzi wurden dagegen 1934 entlassen.
Mit den Nürnberger Rassegesetzen im September 1935 verschärfte sich die Lage. Emanuel List war schon vorher gegangen, jetzt verließen auch Alexander Kipnis und nicht-jüdische Künstler wie Erich Kleiber und Herbert Janssen das Haus. Göring hatte zwar weiter das letzte Wort, aber nun gab es Vorgespräche Tietjens mit Hans Hinkel, dem Geschäftsführer der Reichskulturkammer und Leiter des Referats Judenfragen im Propagandaministerium. Privilegien galten nicht mehr. Die als Langzeitbeschäftigte oder Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs bisher geschützten Orchestermusiker Michael Balnemones, Heinrich Wollheim und Emil Kornsand wurden zwangspensioniert. Ähnlich erging es dem bisher unberührbaren Leo Blech. Er ging nach Riga ins Exil und entkam dort nur knapp der Vernichtung. Wegen ihrer jüdischen Ehefrauen wurden der Regisseur Josef Gielen und der Konzertmeister Robert Zeiler entlassen. Für Frida Leider hatte man „Ersatz“ gefunden: Sie wurde nach 1938 nicht mehr besetzt. Karl August Neumann kam 1944 in Haft, seine Ehefrau wurde nach Auschwitz deportiert.
Nicht nur das Ensemble, auch der Spielplan war nach 1933 gesäubert worden: Die Werke jüdischer Komponisten und das Musiktheater der Moderne kamen darin nicht mehr vor. Stattdessen gab es die Premieren der wenigen NS-Opern, viel Wagner und den Kanon des 18./19. Jahrhunderts. Trotz dieses Kahlschlags – Görings Plan, aus der Staatsoper „ein Musterinstitut“ zu machen, ging auf. Dirigenten wie Wilhelm Furtwängler, Clemens Krauss und Herbert von Karajan sorgten für Glanz. Das Ensemble war das beste des Großdeutschen Reiches. Gastspiele in Zürich, Rom und Paris trugen den Ruhm über die Grenzen. Der Architekt dieses Erfolges war Heinz Tietjen. Durch seine Erfahrung als Dirigent, Regisseur und Theaterleiter hatte er sich unverzichtbar, durch sein frühes Bündnis mit Winifred Wagner, Hitler und Göring unangreifbar gemacht. Unter seiner Führung trug die Staatsoper, neben den Bayreuther Festspielen und den Berliner Philharmonikern, entscheidend dazu bei, die schimmernde Kulturfassade zu errichten, hinter der sich das barbarische Gesicht Nazideutschlands so lange und so erfolgreich tarnen konnte.