Das 1912 von Max Littmann neuerbaute Königliche Hoftheater in Stuttgart galt als Deutschlands schönster und zweckmäßigster Theaterbau. 1918 begann für das Haus unter dem neuen Namen Württembergisches Landestheater auch eine neue Ära: Der Staat hatte die Trägerschaft übernommen und teilte sich die Kosten mit dem Theater und der Stadt. Das Große Haus war ab jetzt meist der Ort der Oper, das Kleine Haus der des Schauspiels. Das Ensemble zählte 500 Personen. In den zwanziger Jahren galten die Staatstheater in Berlin, Dresden und München als die führenden deutschen Bühnen, Stuttgart nahm mit Hamburg, Köln und Frankfurt einen geachteten zweiten Rang ein. Das bezeugen die 50 Uraufführungen, die im Schauspiel, und die 20, die in der Stuttgarter Oper in der Zeit von 1920 bis 1933 stattfanden.
Verantwortlich für diese herausgehobene Stellung war Albert Kehm. Ursprünglich Schauspieler, danach ins Regiefach gewechselt und zuletzt Direktor des Stadttheaters Bern, hatte der 39jährige Kehm 1920 die Leitung des Württembergischen Landestheaters übernommen. Mit Rücksicht auf ein weitgehend konservatives Publikum erweiterte er das klassische Repertoire, um dadurch Spielraum für Neues zu schaffen. Unterstützung fand er bei seinem Generalmusikdirektor Fritz Busch, der von 1918 bis 1922 am Haus engagiert war. Busch verantwortete eine bahnbrechende, weil die Regieanweisungen Wagners missachtende Aufführung von Der Ring des Nibelungen. Im Juni 1921 folgte ein weiteres Experiment: Hindemiths Einakter Mörder, Hoffnung der Frauen und Das Nusch-Nuschi, nach Texten von Oskar Kokoschka und Franz Blei. Das Bühnenbild und die Kostüme stammten von Oskar Schlemmer, dessen Triadisches Ballett ein Jahr später uraufgeführt wurde. Hindemiths Einakter führten wegen der angeblichen „Obszönität“ der Texte und eines „unverschämten“ Zitats aus Wagners Tristan zu einem Aufschrei und zur Absetzung der Inszenierung. Das Gleiche geschah, als wenige Tage später die Komödie Der Kuhhandel wegen angeblicher Beleidigung der religiösen Gefühle der Bevölkerung durch den der Demokratischen Partei angehörenden Kultusminister Johannes Hieber vom Spielplan genommen wurde. Kehm und Busch boten ihren Rücktritt an, der nur durch Vertrauenserklärungen von Minister und Theaterausschuss abgewendet werden konnte.
Im Jahr 1924 kam es bei der Premiere von Büchners Dantons Tod zu Tumulten, als textgetreu einige Takte der Marseillaise erklangen. Das sei, wütete die Süddeutsche Zeitung, solange französische Truppen das Ruhrgebiet besetzt hielten, eine „Attacke auf den Vaterlandsstolz deutschfühlender Menschen“. Die deutschnationale Bürgerpartei formulierte eine parlamentarische Anfrage und der völkische Schriftsteller Georg Schmückle sprach der Theaterleitung „die nationale Ehre“ ab. Als Kehm und seine Mitstreiter dagegen gerichtlich vorgingen, unterlagen sie – wegen fehlenden „nationalen Taktes“. Diese Theaterskandale waren, wie die vorangegangenen Proteste gegen die Stücke Frank Wedekinds in Hannover und München, Ernst Tollers in Nürnberg und Arthur Schnitzlers in Berlin kein spontaner Ausbruch des „Volkszorns“. Sie wurden initiiert vom Deutschvölkischen Schutz-und Trutzbund, der größten antisemitischen Massenorganisation der ersten Nachkriegsjahre. Der Schutz- und Trutzbund machte die Juden nicht nur für die Niederlage und die Revolution von 1918 verantwortlich, sondern war auch überzeugt, dass der Tempel der deutschen Kultur, wie es der Stuttgarter Musikkritiker Karl Grunsky formulierte, durch die angeblich von ihnen initiierte Kunstmoderne „entgeistert und entwürdigt, aufs Diesseits und die jüdischen Genussziele ausgerichtet“ würde.
Oper und Schauspiel waren nicht nur vom Publikum, sondern als Staatsbetrieb vor allem von der Politik abhängig. Die 1919 gewählte erste Nachkriegsregierung war eine Koalition aus SPD, der liberalen Demokratischen Partei und dem katholischem Zentrum. Ihr Kultusminister Bertold Heymann sollte der einzige württembergische Amtsträger sein, der rückhaltlos für die Freiheit der Kunst eintrat. Bei den Landtagswahlen 1920 schied die SPD nach hohen Verlusten aus und tolerierte die Minderheitsregierung von Zentrum und Demokraten. Schon im Mai 1924 kam es zu einer weiteren, diesmal dramatischen Zäsur: Ein Drittel der Wähler hatte einem Bündnis der deutschnationalen Zwillinge Bürgerpartei und Bauernbund und den rechtsradikalen Vaterländischen Verbänden ihre Stimme gegeben. Auch die offiziell verbotene NSDAP gewann drei Sitze. Wilhelm Bazille, der Führer der Bürgerpartei, wurde Ministerpräsident und Kultusminister einer Koalition mit Bauernbund und Zentrum. Für die Freiheit der Kunst verhieß das nichts Gutes.
Als Carl Zuckmayers Volksstück Der fröhliche Weinberg 1926 wegen seiner derben Erotik Proteste auslöste, forderten die Regierungsparteien im Namen „der christlichen Moral“ die staatliche Kontrolle des Spielplans. Der Ruf verschärfte sich bei Ernst Kreneks Welterfolg Jonny spielt auf im Februar 1928. Der öffentliche Aufschrei gegen diese Geschichte eines dunkelhäutigen Schelmen und Jazzmusikers, der mit dem Diebstahl einer wertvollen Geige einen irrwitzigen Wirbel von Ereignissen in Gang setzt, war ein Ausdruck von blankem Rassismus. „Ein Sieg der Niggerkultur und des Yankeetums über die alte europäische Kultur“, dröhnte es im Parlament, „ein Nigger, der über die weißen Frauen herfällt“, hetzte die Presse. Im Wahlaufruf der beiden deutschnationalen Parteien und der Vaterländischen Verbänden hatte es geheißen: „Die Stärkung und Pflege wahrhaften Deutschtums auf der Grundlage nordisch-germanischer Eigenart unter Ausscheidung aller fremdblütigen und artfremden, besonders jüdischer Einflüsse, im Leben und Wesen des deutschen Volkes ist ein Kernstück deutschnationaler Politik.“ Das schien die Plattform zu sein, auf der offensichtlich auch große Teile des Bürgertums ihren Kampf gegen die Moderne ausfochten.
Wilhelm Bazille, in der Opposition ein gefährlicher Demagoge, mied als Minister die starken Worte. Er verteidigte das Theater und versuchte, in einer heimlichen Koalition mit dem Intendanten vorab alle Konflikte auszuschalten: Zur verabredeten Aufführung von George Bernard Shaws Die Heilige Johanna kam es erst nach Protesten des Autors, die Uraufführung von Friedrich Wolfs Kolonne Hund überließ man anderen Theatern und der Antrag der Bühnengenossenschaft, Ferdinand Bruckners Die Verbrecher in einer geschlossenen Veranstaltung aufzuführen, wurde abgelehnt. Albert Kehm hoffte, durch Nachgeben seinem Haus die Bewegungsfreiheit zu erhalten. Der Spielplan mit den gottsucherischen Traumspielen des Bildhauers Ernst Barlach und den sozialrevolutionären Dramen des Stuttgarter Arztes Friedrich Wolf, mit Stücken von Bertolt Brecht, Bernhard Blume und Günther Weisenborn gab ihm recht. Und im Großen Haus hatte, in der Regie von Harry Stangenberg, die Zeitoper mit Ernst Kreneks Leben des Orest, Paul Hindemiths Cardillac und Kurt Weills und Georg Kaisers Der Protagonist/Der Zar lässt sich photographieren Konjunktur. 1930 brach das alles ab. Die Wirtschaftskrise erreichte auch das Theater. Und die NSDAP schickte sich an, die Freiheit der Kunst und die Republik zu schleifen.
Am 10. Juli 1920 wurde in Stuttgart die Ortsgruppe der NSDAP gegründet. Vorausgegangen waren zwei öffentliche Auftritte Hitlers, bei denen er gegen „den Dolchstoß“ von 1918, den „Schmachfrieden“ von Versailles und die dafür Verantwortlichen, die Juden, gehetzt hatte. Veranstalter war der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund, aus dem die neue Ortsgruppe auch ihre ersten Mitglieder gewann und deren Geschäftsstelle sie bis zum Sommer 1921 mitbenutzen durfte. Erst dann begann die Entwicklung der NSDAP zu einer eigenständigen politischen Kraft. 1923 zählte sie in Stuttgart 800 und in Württemberg 6000 Mitglieder. Das nach dem gescheiterten Münchener Putsch erfolgte Parteiverbot konnten die württembergischen Nazis dank der Duldung der Polizei zwar unterlaufen, sodass es ihnen 1924 sogar gelang, drei Sitze im Landtag zu gewinnen. Aber als Hitler 1925 im Zuge der reichsweiten Neugründung der NSDAP mehrmals nach Stuttgart kam, traf er auf einen zersplitterten Parteihaufen.
Die in der Verbotszeit vom nationalsozialistischen Abgeordneten Christian Mergenthaler gegründete Nachfolgeorganisation schloss sich erst 1927 wieder der NSDAP an, und der nach dem Rücktritt der Gauleitung 1928 neuernannte Gauleiter Wilhelm Murr war in persönliche Grabenkämpfe mit Ortsgruppenleitern und SA-Führern verstrickt. Bei den Wahlen von 1928 bekam die Partei nur noch ein Drittel der bisherigen Stimmen und lediglich einen Sitz im Landtag. Erst 1930 gelang es Murr, die Parteiorganisation zu stabilisieren und von der auch in Württemberg zunehmenden Arbeitslosigkeit wie von der reichsweiten Popularität Hitlers zu profitieren. Als die NSDAP bei den Wahlen im September zweitstärkste Fraktion im Reichstag wurde, zeigten auch die Stuttgarter Nazis ihre neue Macht. Erstmals organisierten sie und ihr Kampfbund für deutsche Kultur den Angriff auf das verhasste Landestheater.
Mehr als 400 Parteigänger versuchten am 18. Oktober 1930, mit Stinkbomben und Sprechchören die Uraufführung von Ossip Dymows und Béla Reinitz’ Musical Schatten über Harlem zu sprengen. Die Geschichte vom geplatzten Traum schwarzer Angestellter einer New Yorker Absteige, eine autonome Republik zu gründen, war für den Völkischen Beobachter nicht nur ein Beleg für den „Rassenkampf“ der Schwarzen, sondern das Fanal der „Rache Judas an der weißen Rasse“. Erstmals kam es auf offener Bühne zur Diffamierung jüdischer Schauspieler. Das Stück wurde, nach tagelangen Auseinandersetzungen, unter dem Beifall der meisten Stuttgarter Zeitungen abgesetzt. Mergenthaler forderte im Landtag den Rücktritt der Theaterleitung.
Der ab Januar 1931 täglich erscheinende NS-Kurier führte diesen Kampf fort. Sein Chefkritiker Karl Grunsky vermied es zwar, die Juden im Ensemble persönlich zu denunzieren. Aber er propagierte offen die „Ausscheidung des jüdischen Elements“ aus Oper und Theater, gemeinsam mit den Opportunisten, die – das galt Albert Kehm – „mit dem Judentum Freundschaft hielten“. Dieses Szenario der „Ausscheidung“ rückte näher, als die NSDAP im Frühjahr 1932 stärkste Partei im Landtag wurde und die Regierung des Zentrumspolitikers Eugen Bolz nur noch geschäftsführend im Amt blieb. Das Stuttgarter Theater versuchte sich zu retten, indem es statt Alban Bergs Wozzek und Bertolt Brechts/Kurt Weills Mahagonny die patriotischen Dramen des Hausdramaturgen Walter Erich Schäfer, des Deutschnationalen Sigmund Graff und des Danton-Provokateurs und Nazis Georg Schmückle zur Aufführung brachte. Diese Geste der Anpassung sollte sich als nutzlos erweisen.
Hitler hatte die Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 mit der Ankündigung von Neuwahlen am 5. März verbunden und damit den Schlussakt seiner erfolgreichen Strategie, das demokratische System mit dessen eigenen Waffen zu schlagen, eingeleitet. Gestützt auf das Wahlergebnis, das der NSDAP in Württemberg eine Verdopplung des Stimmenanteils auf 42% eingebracht hatte, hissten SA-Kommandos am 7. März auf dem Landtagsgebäude, dem Rathaus und dem Landestheater die Hakenkreuzfahne. Der dafür verantwortliche SA-Führer Dietrich von Jagow wusste, was er tat: Einen Tag später übertrug ihm die Reichsregierung die vollziehende Gewalt im Land. Die Regierung des Zentrumspolitikers Eugen Bolz, der den Aufstieg der NSDAP großzügig geduldet hatte, war damit am Ende. Am 15. März wurde Gauleiter Murr, gegen die Stimmen der SPD und ohne die schon ausgeschaltete KPD zum neuen Staatspräsidenten gewählt. Kultusminister wurde der seit Jahren schärfste Gegner des Landestheaters, der Alte Kämpfer der NSDAP und bisherige Landtagspräsident Mergenthaler. Er übernahm im Mai, nachdem Murr Reichsstatthalter und damit württembergischer Staatschef geworden war, auch das Amt des Ministerpräsidenten. Der Landtag wurde im Zuge der Gleichschaltung der Länder Ende November 1933 aufgelöst.
Die erste Amtshandlung Mergenthalers zur „Neuordnung“ des Theaters war die am 27. März 1933 erfolgte Absetzung der bisherigen Leitung – des Intendanten Albert Kehm, des Verwaltungsdirektors Otto Paul sowie der Oberspielleiter Harry Stangenberg und Friedrich Brandenburg. Am gleichen Tag wurde der Nationalsozialist Otto Krauß, der als Oberspielleiter an diversen Opernhäusern, zuletzt an der Städtischen Oper in Berlin, gearbeitet hatte, als neuer Intendant eingesetzt. Er übernahm diejenigen, die zur Mitarbeit bereit waren – den farblosen Generalmusikdirektor Carl Leonhardt und den von der Nazipresse als hoffnungsvollen Bühnenautor gefeierten Dramaturgen Walter Erich Schäfer –, und besetzte die frei gewordenen Positionen mit zuverlässigen Parteimitgliedern. Zeitgleich betrieben Kultusministerium und Gauleitung „die Ausscheidung des jüdischen Elements“. Noch vor Inkrafttreten des am 7. April erlassenen Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, das die Entlassung nichtarischer und politisch unzuverlässiger Beamter befahl, wurden die prominenten Juden – die Schauspieler Fritz Wisten und Max Marx sowie die Sänger Hermann Weil und Hermann Horner – Ende März gekündigt.
Alle übrigen Ensemblemitglieder wurden von einem eigens eingesetzten Beauftragten für die Durchführung des Berufsbeamtengesetzes bezüglich ihrer rassischen Herkunft und ihrer früheren politischen Betätigung überprüft. Als Grundlage dienten Fragebögen, die man im Mai und Juli verteilte. Infolge dieser Erfassung wurden im Mai die Balletttänzerin Suse Rosen und der Chorsänger Leon Aschil, im Juli die Schauspielerin Eva Heymann und der Bassist Reinhold Fritz, im November die Chorsängerinnen Else Reder und Erna Both aus rassischen Gründen entlassen. Im September musste der Bühnenarbeiter Eberhard Hermann, weil er aktives KPD-Mitglied war, gehen. Nur zwei jüdische Ensemblemitglieder, der Chorsänger Max Heinemann und der Kammermusiker Julius Brauer, blieben zunächst verschont, weil man sie noch brauchte. Sie wurden Ende 1935 bzw. im Herbst 1936 vertrieben. Bei einer Anfrage des Kultusministeriums vom 11. Februar 1937 „Betr.: Beschäftigung von Juden“ lautete die Antwort des Intendanten: „Fehlanzeige“. Das Württembergische Staatstheater, wie das Haus jetzt hieß, war judenfrei.