Durch die demokratische Revolution von 1918 wurden aus dem Großherzogtum Hessen der Volksstaat Hessen und aus dem Darmstädter Hoftheater das dem Kultusministerium unterstehende Hessische Landestheater. Die Gebäude gehörten dem Land, das sich mit der Stadt die Kosten teilte. Beide entschieden durch eine Verwaltungskommission auch über die Berufung der jeweiligen Theaterleitung. Das Landestheater hatte zwar nur ein Ensemble von 360 Personen, gehörte aber mit 2200 Plätzen zu den größten Bühnen der Republik. Dass es das wichtigste Provinztheater Deutschlands wurde, verdankte es dem im Sommer 1920 zum Intendanten berufenen Gustav Hartung.
Der 1897 als Gustav May Geborene war, nach einer Ausbildung als Schauspieler bei Max Reinhardt in Berlin, 1914 Regisseur am Schauspielhaus Frankfurt geworden. Dort hatte er sich mit Uraufführungen von Stücken Georg Kaisers, Paul Kornfelds, Fritz von Unruhs und Carl Sternheims einen Namen als einer der führenden Regisseure des Expressionismus gemacht. Diese Literatur war der Ausdruck einer vorausgeahnten und dann in Weltkrieg und Revolution erlebten Zivilisationskatastrophe, auf die eine Gruppe junger Autoren mit dem Ruf nach einer neuen Moral, einer neuen Politik, einem neuen Menschen reagierte. Hartung setzte die in Frankfurt begonnene Arbeit in Darmstadt mit aufsehenerregenden Inszenierungen, auch von Klassikern, fort. „Keine deutsche Provinzbühne,“ schrieb die einflussreiche Frankfurter Zeitung, „darf sich solcher oder nur ähnlicher Leistungen erfreuen wie sie Hartung hervorbringt“.
Aber „der Regisseur mit dem immensen Formtrieb“ (Karl Heinz Ruppel), der „Verwandler von Literatur in Plastik“(Bernhard Diebold) provozierte in der konservativ gebliebenen ehemaligen Residenzstadt offenen Widerspruch. Anlass war das verstaubte Stück Kean von Alexandre Dumas. Kasimir Edschmid, Sprecher der radikalen Künstlergruppe „Darmstädter Sezession“, hatte den reißerischen Lebensabriss des englischen Starschauspielers Kean in einer Bearbeitung mit grotesken Szenen in einer Hafenspelunke erweitert. Die in der Stadt sehr aktiven völkisch-nationalistischen Verbände störten die Premiere am 25. Mai 1921 mit Trillerpfeifen und Sprechchören. Für sie war der „Sezessionist“ Edschmid ein „Kulturbarbar“ und „Vaterlandsverräter“ und Gustav Hartung ein Jude. Die bürgerlichen Rechtsparteien und die meist reaktionäre Lokalpresse setzten die Attacken fort. Hartungs Absage an Kunst als ein „freundliches Unterhaltungs- oder schönes Erbauungsmittel“ und sein Bekenntnis zum Theater als „Forum, auf dem die Menschheit die Kämpfe, die sie am stärksten bewegten“ gedeutet sehen wollte, begriffen sie als offenen Affront. Von Parlamentsdebatten und Pressekampagnen genervt, verließ Hartung 1924 die Stadt.
Sein Nachfolger Ernst Legal, 1881 in Oberschlesien geboren und 20 Jahre als Schauspieler tätig, hatte in Wiesbaden und zuletzt in Berlin bei Leopold Jeßner auch Regie geführt. Anders als Hartung war Legal keinem Stil verpflichtet. Er förderte zeitgenössische Stücke, verband damit aber keine programmatische Vorstellung von der gesellschaftlichen Rolle des Theaters. Das schloss nicht aus, dass er mit der Aufführung von Bertolt Brechts Mann ist Mann und der Einrichtung einer experimentellen Jungen Bühne auch für Aufsehen sorgte. Aber insgesamt reüssierte Legal eher als pragmatischer Macher denn als visionärer Theaterleiter. Das Landestheater, bilanzierte der ehemalige Dramaturg Hans J.Weitz, habe in dieser Zeit „viel vom Glanz der Hartung-Jahre eingebüßt“ und sei „müde und fade geworden.“
Der neue Intendant Carl Ebert, der als Schauspieler zehn Jahre lang auf den Berliner Bühnen gestanden, aber noch nie ein Theater geleitet hatte, gab dem Landestheater seinen früheren Rang zurück. Er berief junge, ungewöhnlich begabte Künstler in sein Leitungsteam – die Regisseure Arthur Maria Rabenalt und Renato Mordo, den Bühnenbildner Wilhelm Reinking, und als Dramaturg den Dichter Paul Kornfeld. Eberts Programm war eindeutig: Gespielt werde „alles, was aktuell in einem höheren Sinn ist, alles, was uns angeht“. Die Zeitoper und die Zeitstücke – Kreneks Jonny spielt auf, Hindemiths Neues vom Tage, Bergs Wozzeck, Brecht/Weills Die Dreigroschenoper, Bruckners Die Verbrecher und Rehfischs Affäre Dreyfus – überließ er den Jüngeren, die daraus furiose Bühnenerlebnisse machten. Ebert konzentrierte sich auf die Klassiker und wenige Opern, die er wie Schauspiele inszenierte. Das sorgte für Aufsehen und legte den Grund für seine spätere Weltkarriere.
Organisierte Störungen im Theater gab es nicht mehr, dafür kam es 1929 und 1930 zu erregten Debatten im Landtag. Die Deutschnationalen beklagten die „Schändung“ der Klassiker und den Abstieg des Theaters „zum Bordell“, das mitregierende Zentrum und die Deutsche Volkspartei lobten zwar Eberts „große Klasse“, geißelten aber Die Dreigroschenoper und das justizkritische Stück Die Verbrecher als Ausdruck von „Kulturbolschewismus“ und „Rechtsnihilismus“. Sie drohten bei Fortsetzung dieses Kurses mit Boykott oder verweigerten schon jetzt dem Etat ihre Zustimmung. Diese massive Einmischung der Politik in den Spielplan war einer der Gründe, warum Carl Ebert 1931 Darmstadt verließ und an die Deutsche Oper in Berlin wechselte.
Die von der SPD durchgesetzte Wahl Gustav Hartungs zum Nachfolger löste bei den Rechtsparteien einen Sturm der Entrüstung aus, den das Darmstädter Tagblatt mit dem Aufruf zu „Gegenmaßnahmen“ anheizte und dem die inzwischen mächtige NSDAP mit der Lüge, Hartung sei Jude und werde „den letzten Rest deutscher Kultur vernichten“, eine grundsätzliche Richtung gab. Aber der Intendant verblüffte seine Gegner mit der Absage an das Zeitstück und der „Rückkehr zu den Klassikern“. Das Theater müsse in der aktuellen „lebensvernichtenden“ materiellen Lage den Menschen helfen „standzuhalten“ und Stücke aufführen, die sich mit den „brennenden“ Fragen der „Staats- und Rechtsidee“ befassten. Die Ratten, von Gerhart Hauptmann mitinszeniert, Faust oder Wallensteins Tod waren solche Stücke.
1932 war die NSDAP in fast allen Parlamenten der Republik stärkste Fraktion geworden. Die von Gustav Hartung und seinem engsten Mitarbeiter Kurt Hirschfeld am 2. September vorgelegten Pläne für die nächste Spielzeit reagierten darauf: In Bertolt Brechts Die Heilige Johanna der Schlachthöfe ging es um das Ende des Kapitalismus, Else Lasker-Schülers neues Stück Arthur Aronymus und seine Väter war eine hellsichtige Ahnung kommender Judenpogrome, Shakespeares Julius Cäsar und Schillers Maria Stuart verhandelten den politischen Mord, Wilhelm Tell propagierte die Freiheit. Hartungs Dramaturg Eugen Gürster beschrieb den Spielplan als Versuch, in einer Zeit, da das „gesellschaftlich-staatliche Zusammenleben“ bedroht sei und „die Heiligkeit des Menschenlebens“ nicht mehr gelte, das Gegenbild des unzerstörbaren „Typus Mensch“ zu entwerfen. Es war der Versuch, mit den Mitteln des Theaters die Republik zu retten. Deshalb vergab André Gide seinen Oedipus nach Darmstadt und deshalb kam Thomas Mann zur Premiere. Gustav Hartung erlebte noch die umjubelten Aufführungen von Wilhelm Tell und Maria Stuart. Dann marschierte die SA gegen das Theater.
Seitdem es dem Marburger Bibliothekar Otto Böckel gelungen war, die von der Agrarkrise bedrohten Kleinbauern in Mittel- und Nordhessen gegen „die Juden“ als angeblich Schuldige zu mobilisieren und sich von dieser Bewegung 1887 in den Reichstag wählen zu lassen, bildete dieser Teil Hessens bis 1914 das Wählerreservoir der Antisemiten-Parteien. Während diese im Reichsdurchschnitt auf ca. 4 Prozent kamen, erreichten sie hier das Fünffache der Stimmen. Einer der Nachfolger Böckels war der 1876 geborene Butzbacher Studienrat Dr. Ferdinand Werner, der seit 1911 dem Reichstag angehörte. Nach dem Krieg wurde er „der antisemitische Hauptagitator“ in Hessen (Frankfurter Zeitung, 22.7.1919). Werners Waffe war der von ihm mit gegründete und mit geleitete Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund, der für die Niederlage und die Revolution von 1918 die Juden verantwortlich machte und deren „restlose Ausscheidung“ forderte.
Neben dem Schutz- und Trutzbund sammelten sich in Hessen damals auch zahlreiche andere rechtsradikale Gruppen, darunter der Jungdeutsche Orden und die als Wiking auftretende geheime Organisation Consul. Diese meist aus ehemaligen Freikorpsangehörigen und Studenten bestehenden Wehrverbände organisierten den Widerstand gegen die französischen Truppen, die gemäß Versailler Vertrag Teile des Rheinlands besetzt hatten. Deren Schikanen gegen die Bevölkerung, die Förderung von Separatisten und der bevorzugte Einsatz schwarzer Kolonialsoldaten verstärkten den Chauvinismus und Rassismus der deutschen Rechtsradikalen. In diesem Klima entstanden 1922 in Frankfurt und Darmstadt die ersten hessischen Ortsgruppen der NSDAP. Sie wurden mit Hilfe des Schutz- und Trutzbundes, von Wiking und Jungdeutschem Orden gegründet und rekrutierten aus diesen Organisationen auch ihre ersten Mitglieder.
Das nach dem Hitlerputsch vom 9. November 1923 verhängte Verbot der NSDAP stoppte zunächst deren Aufstieg auch im Volksstaat Hessen. Aber schon bei den Reichstagswahlen 1928 konnte sie gegenüber der Wahl von 1924 ihre Stimmen vervierfachen. Hauptadressat wurden jetzt die von der Agrarkrise betroffenen Bauern: Die Propagandamärsche der SA führten auch in entlegenen Dörfern zur Gründung von Ortsgruppen und beendeten bei den Kommunalwahlen 1929 die Dominanz des Hessischen Landbundes. Im Darmstädter Stadtrat gewann die NSDAP fünf Sitze. Beim Erdrutschsieg am 14. September 1930, der die NSDAP zur zweitstärksten Fraktion im Reichstag machte, hatte fast ein Fünftel der hessischen Bevölkerung für die Nazis gestimmt. Die Zentren der Böckelbewegung waren mit Quoten von 30 Prozent jetzt zu Hochburgen Hitlers geworden. Auch Darmstadt lag mit 24,4 Prozent Stimmen für die Nazis weit über dem Reichsdurchschnitt: Die Stammwähler der Rechtsparteien hatten das radikalere Original gewählt.
Bei den Landtagswahlen am 15. November 1931 setzte sich der Triumph der NSDAP fort: Mit 37,1 Prozent wurde sie stärkste Partei. Die seit 1919 unangefochten regierende Koalition von SPD, Deutscher Demokratischer Partei und Zentrum hatte ihre Mehrheit verloren, sie blieb nur noch geschäftsführend im Amt. Zum Parlamentspräsidenten wurde der 1930 von der Deutschnationalen Volkspartei zur NSDAP gewechselte Judenhasser Ferdinand Werner gewählt. Wilhelm Leuschner, Gewerkschaftsführer und seit 1928 Innenminister, versuchte mit allen Mitteln und mutigen Auftritten vergeblich, der NSDAP den Weg zur Macht zu verbauen. Auch die hellsichtigen Analysen und Strategien seines Pressechefs Carlo Mierendorff blieben folgenlos. Für gesetzliche Maßnahmen und politische Argumente war es jetzt zu spät. Mierendorff und Leuschner bezahlten für ihren Widerstand mit KZ und Tod.
Der 30. Januar 1933 war aufgrund der Wahlsiege der NSDAP 1932 eine legale Machtübernahme. Dann setzte die staatliche Repression ein. Bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 hatten im Volksstaat 47 Prozent der Wähler für Hitler gestimmt. Gestützt auf dieses Ergebnis und die nach dem Reichstagsbrand erlassene Verordnung zum Schutz von Volk und Staat ergriff die NSDAP in Hessen am 6. März die Macht: Die Polizei wurde einem Reichskommissar unterstellt, Innenministerium und Gewerkschaftshaus besetzt, der bisherige Staatspräsident zum Rücktritt gezwungen. Auch das Theater wurde gleichgeschaltet: Nachdem die SA schon am 8. März eine Premiere und am 12. März eine Repertoire-Aufführung verhindert hatte, erklärte am 13. März der neugewählte Staatspräsident und Kultusminister Ferdinand Werner den Intendanten Gustav Hartung für untragbar. Dieser trat am 14. März zurück und flüchtete in die Schweiz.
Am 16. März 1933 wurde Werner Kulz zum Theater-Referenten des Kultusministeriums ernannt. Der frühere Staatsanwalt, seit 1930 NSDAP-Mitglied, hatte sich als Vorsitzender der Ortsgruppe des Kampfbundes für deutsche Kultur, einer NS-Organisation zur Abwehr entarteter Kunst, verdient gemacht. In seiner neuen Funktion beurlaubte Kulz zwischen dem 16. und 31. März zwei Schauspieler und vier Mitglieder der Theaterleitung, darunter zwei Juden, sowie 14 weitere jüdische Künstler. Am 3. Juni folgten deren Entlassungen. Die Vorarbeit für diese wie für alle späteren Kündigungen hatte das Ensemblemitglied Paul Fichtmüller geleistet. Der Kammermusiker war offiziell am 1. Juni 1931 der NSDAP beigetreten, wurde aber schon seit dem 1. Januar 1929 als „Vertrauensmann der Partei“ geführt. Daher erhielt er 1933 wichtige Aufgaben: Am 16. März wurde er in die Verwaltungskommission des Landestheaters, im November zum Landesleiter der Reichsmusikkammer in Hessen berufen.
Die Verwaltungskommission, bestehend aus dem Staatspräsidenten, dessen Vertreter, dem Oberbürgermeister und drei NSDAP-Abgeordneten, ernannte ihr Mitglied Fichtmüller zum Kommissar für das Landestheater und erteilte ihm, wie er selbst berichtete, „Vollmachten hinsichtlich der politischen Bereinigung im Personal“. Während man die jüdischen Künstler kannte, war die Frage der Entlassungen beim technischen Personal schwieriger zu lösen. Daher bildete Fichtmüller einen „Bereinigungsausschuss“, dem außer ihm selbst vier weitere Angehörige des Landestheaters und zwei externe NS-Funktionäre der NSDAP-Kreisleitung angehörten. Zudem ließ er den Beleuchter Oskar Meisel im April/Mai 1933 Listen von Mitgliedern der SPD und KPD mit belastenden Details anfertigen. Am 12. Juni stellte die Theaterleitung dem gesamten technischen Personal eine vorläufige Kündigung zu. Nachdem sie am 27. Juni insgesamt 29 Arbeiter „wegen politischer Unzuverlässigkeit“ endgültig entlassen hatte, wurde das übrige Personal einen Monat später wieder eingestellt.
Seit Mitte April 1933 fungierte Rolf Prasch als neuer Intendant. Die verhassten Zeitstücke, alle Opern und Operetten jüdischer oder entarteter Komponisten sowie die Inszenierungen Hartungs verschwanden vom Spielplan. Die Lücken wurden mit Propaganda-Inszenierungen gefüllt. Die „Neugestaltung“ des Theaters war dann in der Spielzeit 1933/34 zu besichtigen: Stücke über Preußens Gloria, die Frontkameradschaft im Weltkrieg oder Hitlers Weg zur Macht, außerdem Klassiker mit denselben Botschaften – die Judenfrage anhand des Kaufmann von Venedig, der Weg zum Helden im Prinz von Homburg, das Führerprinzip bei Julius Cäsar. In der Oper: Wagner, Mozart, Richard Strauss. Auch Franz Everth, ab 1935 Intendant, folgte dieser Linie: heroisches Gegenwartstheater, werkgetreu aufgeführte Klassiker in Oper und Schauspiel – und kaum noch ausländische Stücke. Als 1937 die letzten Halbjuden und jüdisch Versippten entlassen wurden, war das Landestheater Darmstadt auch judenfrei.