Der am 17. März 1895 als Sohn jüdischer Eltern in Dortmund geborene Sally, genannt Siegfried Urias begann seine Karriere 1916 als Schauspieler auf außergewöhnlichen Bühnen – am Kölner Millowitsch-Theater und beim Fronttheater der 3. Armee. Von 1920 bis 1926 arbeitete er am Stadttheater Bonn, danach für ein Jahr in Köln. Nebenbei studierte er, mit einem Stipendium des Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer, an der dortigen Musikhochschule Gesang. Nach ersten Engagements an den Opernhäusern in Münster und Duisburg/Bochum wurde er für die Spielzeit 1932/33 als Bass-Bariton an das Hessische Landestheater Darmstadt verpflichtet.
Dort sang er die Titelrolle in Eugen Onegin und in Der Fliegende Holländer, den Scarpia in Tosca, den Alfio in Cavalleria rusticana und den Don Pizarro in Fidelio. Während der Theaterkritiker des Darmstädter Tagblatts nach der Onegin-Premiere seiner Stimme „eine schöne Mittellage“ bescheinigte und Ausdruck wie Darstellung als „wirkungsvoll“ lobte, war in der Besprechung seiner ersten Rolle in einer Wagner-Oper schon das antisemitische Muster deutlich zu erkennen: Urias behandle sein zweifellos vorhandenes „schönes, klingendes“ Stimm-Material „verstandesmäßig, kühl und unbeseelt“, seine Darstellung, die „mit äußeren Mitteln, […] nicht aus dem Innern“ heraus arbeite, könne „die Mystik und Dämonie des Holländer-Charakters nicht erschöpfen“. Nach seinen Rollendebüts in Tosca und Cavalleria rusticana war das Urteil gefällt: Der Sänger tauge nur zur Verwendung „in der nicht-deutschen Oper“. Die neuen Machthaber gingen noch einen Schritt weiter. Sie verbannten Siegfried Urias seiner jüdischen Herkunft wegen ganz aus den deutschen Theatern: Am 31. März 1933 erhielt er seine Beurlaubung, am 3. Juni folgte die Kündigung auf Grundlage des neu erlassenen Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums.
Urias, der im November 1933 Johanna Bragard geheiratet hatte, ging mit seiner Frau 1934 nach Berlin. Dort wurde er einer der wichtigsten Solisten im Jüdischen Kulturbund, der einzigen Möglichkeit, die die Nazis den vertriebenen jüdischen Künstlern zur Ausübung ihres Berufs gelassen hatten. Bis zur Auflösung des Opernensembles im Mai 1939 sang er dort alle großen Rollen. Am 29. Juni wurde Urias verhaftet und unter anderem im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Seiner nichtjüdischen Ehefrau gelang es, ihn nach einem Jahr freizubekommen. Sie konnte ihn auch vor den 1941 einsetzenden Deportationen retten. Zur Zwangsarbeit verpflichtet, musste er vier Jahre lang in Berliner Zement- und Baubetrieben Schwerstarbeit leisten.
Nach seiner Befreiung am 30. April 1945 fand Siegfried Urias zwar eine Wiederanstellung am Bonner Theater. Da aber seine Stimme durch die erlittenen Strapazen gelitten hatte, konnte er zunächst nicht als Sänger eingesetzt werden. 1954 musste er, nach ärztlichem Zeugnis „hundertprozentig erwerbsunfähig“, seinen Beruf endgültig aufgeben. Erst fünf Jahre später sicherte ihm eine mühsam erkämpfte Entschädigung ein würdiges Leben. Nach dem Tod seiner Frau zog Siegfried Urias in das Jüdische Altersheim seiner Heimatstadt Dortmund. Dort ist er am 12. Januar 1971 gestorben.
1895 Dortmund
1971 Dortmund