Siegfried Lewinsky wurde am 24. Mai 1881 im damals noch preußischen Kempen (heute Kępno in Polen) geboren. Er absolvierte eine Lehre und arbeite zunächst als Kaufmann. Erst ein Stipendium ermöglichte es ihm, in den folgenden Jahren in Berlin Schauspielunterricht zu nehmen. 1901 debütierte er am Stadttheater in Wesel und wechselte später an eine Bühne in Stettin. Doch die geringen Gagen reichten nicht zum Leben – Lewinsky musste wieder als Kaufmann arbeiten. 1910 wagte er einen neuen Anlauf und sprach am damals noch Königlichen Schauspielhaus in Dresden vor. Seine Bewerbung war erfolgreich: Für die folgenden fast 25 Jahre gehörte er zum Ensemble des Hauses. Hier spielte er vor allem die tragenden Nebenrollen, etwa in Die Nibelungen von Friedrich Hebbel, in Stücken von Shakespeare wie König Heinrich der Vierte, Troilus und Cressida und Der Kaufmann von Venedig sowie in George Bernard Shaws Die Heilige Johanna.
Die nationalsozialistische Machtübernahme 1933 beendete seine Karriere, denn Siegfried Lewinsky war Jude. Weil er als langjähriges Ensemblemitglied schwer zu entlassen war, versetzte die Theaterleitung den 53-Jährigen zum 31. August 1934 in den Ruhestand. Der Entlassene blieb in Dresden und lebte, da er keine beruflichen Perspektiven mehr hatte, in den folgenden Jahren von einer bescheidenen Pension. Seine „privilegierte Mischehe“ mit einer nicht-jüdischen Frau bot ihm zunächst einen relativen Schutz vor der Verfolgung. Am 9./10. November 1938, als sich der Judenhass in Pogromen entlud, nützte auch dies nichts: Als so genannter „Aktionsjude“ wurde Siegfried Lewinsky zusammen mit tausenden anderen Juden verhaftet und anschließend vom 13. November bis 14. Dezember 1938 im KZ Buchenwald inhaftiert. Aus der Haft entlassen, kehrte er nach Dresden zurück.
Nach Kriegsbeginn wurde die Situation der Juden im Reich immer bedrohlicher. Zwar bot die „Mischehe“ Schutz vor den 1942 einsetzenden Deportationen, nicht aber vor dem Einsatz als Zwangsarbeiter. Ab Februar 1941 musste Lewinsky für zwei Jahre bei Zeiß-Ikon, anschließend für weitere zwei Jahre in einer Dresdner Kartonnagefabrik Zwangsarbeit leisten.
Am 13. Februar 1945 erhielt er den Befehl, sich am 16. Februar zum Abtransport für einen auswärtigen „Arbeitseinsatz“ – die Deportation – bereitzuhalten. Der mit ihm befreundete Victor Klemperer traf ihn abends mit anderen zum Abtransport bestimmten Juden im „Judenhaus“ in der Zeughausstraße.
Die am Abend des 13. Februar beginnenden Luftangriffe auf Dresden, die für bis zu 25 000 Menschen den Tod bedeuteten, waren für die schutzlos auf ihre Deportation wartenden Juden die letzte Chance auf Rettung: „Wenige Stunden später wurde Dresden bombardiert. Das war unser Glück; denn als wir uns […] früh am Zeughausplatze einfanden, sahen wir den brennenden Trümmerhaufen. Gestapo, die uns gewiß in eines der berüchtigten Lager gebracht hätte, war nicht da.“
Siegfried Lewinsky gelang es, die letzten Kriegswochen zu überleben. Bereits im Juli 1945 wurde er wieder als Schauspieler am Interimstheater, dem späteren Staatsschauspiel, angestellt. 1950 ging er in Pension, stand aber bis 1953 immer wieder als Gast auf der Bühne. Am 20. Februar 1958 ist Siegfried Lewinsky in Dresden gestorben.
1881 Kepno (Kempen)
1958 Dresden