Leopold Sachse wurde am 5. Januar 1880 in Berlin geboren. In Köln, Mailand, Berlin und Wien zum Sänger, Schauspieler und Regisseur ausgebildet, debütierte er 1899 als Schauspieler am Berliner Schiller-Theater. Über die Stadttheater von Barmen und Straßburg kam er 1903 an das Stadttheater in Plauen, wo er als „seriöser Bassist“ engagiert wurde. In gleicher Funktion ging er 1904 an die Oper in Kiel und 1906 an das Stadttheater in Würzburg. 1907 wechselte Sachse nach Münster, wo er zunächst als Sänger am Lortzing-Theater und ab 1908 als Regisseur am Stadttheater wirkte. 1909 stieg er dort zum Intendanten auf und leitete zusätzlich in der Spielzeit 1912/13 auch das Berliner Schiller-Theater. 1915 wechselte er an das Stadttheater in Halle, dessen Leitung er in den folgenden Jahren übernahm und an dem er insbesondere mit zeitgenössischen Stücken wie mit Neuinterpretationen von Wagner-Opern auf sich aufmerksam machte. Zum 1. Februar 1922 wechselte er nach Hamburg und wurde Intendant des Stadttheaters, der heutigen Staatsoper.
Auch in der Hansestadt förderte Sachse zeitgenössische Komponisten: Ferruccio Busonis Doktor Faust und Leoš Janáčeks Jenůfa fanden unter seiner Ägide ebenso den Weg auf die Hamburger Bühne wie Ernst Kreneks Erfolgsoper Jonny spielt auf, Hans Pfitzners Palestrina, Richard Strauss’ Die ägyptische Helena und Igor Stravinskys Geschichte vom Soldaten.
Die deutschnationale und nationalsozialistische Presse hingegen sah in diesem Kurs ein Symptom des Verfalls „deutscher“ Kultur, durch den nun auch das Stadttheater „in die kulturelle Dekadenz und Überfremdung der Gegenwart mit hineingezogen“ würde. Als treibende Kraft galt der politischen Rechten und insbesondere den Nationalsozialisten der Intendant Sachse und sein Generalmusikdirektor Egon Pollak. Was Redaktion wie Leser wussten: Beide waren Juden.
„Wir hielten und halten es für einen unmöglichen Zustand, daß – Fähigkeiten hin, Fähigkeiten her – ein Jude eine deutsche Opernbühne leitet“, geiferte das lokale Nazi-Blatt im Juni 1931 und fuhr fort: „Es ist folkloristisch und kulturpsychologisch von großem Interesse, einmal festzustellen, wie sich die deutsche Opernkultur in hebräischen Gehirnen spiegelt. Dazu hatten wir in Hamburg nun Gelegenheit genug, dafür sind genug Steuergelder zum Fenster hinausgeworfen worden. Bahn frei der deutschen Kunst!“ Einen Monat später, im Juli 1931, wurde Sachse zum Oberspielleiter degradiert. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde er umgehend im März 1933 beurlaubt und anschließend in die Zwangspensionierung entlassen.
Der Künstler engagierte sich zunächst im Jüdischen Kulturbund, dessen Hamburger Abteilung er aufbaute und bis Februar 1935 leitete. Dann floh er nach Paris und inszenierte im Oktober 1935 am Théâtre de la Gaité Franz Lehárs Operette „Das Lied vom Glück“. Kurz darauf verließ er Europa und ging nach New York, wo er bis März 1936 an der Metropolitan Opera neun Wagner-Opern – darunter den Ring-Zyklus – neu inszenierte.
Während in Hamburg sein Privathaus zwangsverkauft, sein Vermögen von der Reichsbank konfisziert und ihm von offiziellen Stellen mitgeteilt wurde, dass er in Deutschland zur unerwünschten Person geworden war, arbeitete Sachse weiter: Als international gefragter Regisseur an der Metropolitan Opera sowie in Europa und Kanada und ab 1945 als Oberspielleiter der New York City Opera. Zudem lehrte er an renommierten Instituten, darunter die Juilliard School of Music in New York und die Academy of Vocal Arts in Philadelphia. Als Vizepräsident der American Guild of Musical Artists gründete er nach Kriegsende einen Hilfsfonds zur Unterstützung der Hamburgischen Staatsoper. Am 3. April 1961 ist Leopold Sachse in Englewood Cliffs, New Jersey, gestorben.
1880 Berlin
1961 Englewood Cliffs