Leonid Striemer wurde am 23. Januar 1887 als Sohn jüdischer Eltern in Rostow am Don geboren, einer prosperierenden Großstadt im Süden des Russischen Zarenreiches. Sein Vater, der 1838 in Bendery – heute Teil der Republik Moldawien – geborene Jakow Striemer, arbeitete als Apotheker. Seine 1858 geborene Mutter Laura Striemer stammte aus Poltawa, das heute auf dem Gebiet der Ukraine liegt, damals aber ebenfalls zum Russischen Reich gehörte und ein wichtiges Zentrum jüdischen Lebens war.
Leonid Striemer besuchte zunächst das Gymnasium und das Konservatorium in Rostow, wo er auf der Violine ausgebildet wurde. Nachdem sein Vater 1903 gestorben war, zog er gemeinsam mit seiner Mutter nach St. Petersburg und absolvierte die Meisterklasse des berühmten Violinvirtuosen Leopld Auer, der als Nachfolger von Henryk Wieniawski am Petersburger Konservatorium lehrte. 1905/06 setzte Striemer seine Studien unter anderem bei Hans Becker an der Leipziger Musikhochschule fort. Während eines Aufenthaltes in Dresden wurde er im August 1914 vom Beginn des Ersten Weltkriegs überrascht und als Angehöriger einer mit Deutschland verfeindeten Macht interniert.
Nach seiner Freilassung blieb der Geiger in Dresden und wirkte als Konzertmeister und stellvertretender Kapellmeister an den privaten Theatern der Stadt: Er begann 1916 am Central-Theater, wechselte 1921 an das Prinzeß-Theater und ging 1923 für vier Jahre an das Residenz-Theater. 1927 schließlich wechselte er erneut an das Central-Theater, wo er nach der nationalsozialistischen Machtübernahme im Frühjahr 1933 entlassen wurde. Da er als Jude von der Mitgliedschaft in der neu gegründeten Zwangsorganisation der Reichsmusikkammer ausgeschlossen war, hatte er fortan Berufsverbot.
Striemer blieb weiterhin in Dresden, wo er auf die Unterstützung seiner Ehefrau Anne Marie Irmtrude Striemer, geb. Marwitz, angewiesen war: Die gebürtige Dresdnerin hatte den Geiger im Juni 1927 geheiratet, 1928 wurde ein gemeinsamer Sohn geboren. Die Ehe mit einer nicht-jüdischen Frau bot dem Musiker einen prekären Schutz vor weiterer Verfolgung. Zusätzlich gelang es offenbar, die Behörden über seine Herkunft zu täuschen: Es lagen lediglich die Papiere seiner Mutter vor, die ebenfalls nach Dresden übergesiedelt und dort 1928 verstorben war. Die Identität seines 1903 gestorbenen Vaters hingegen ließ sich verschleiern. Striemer konnte daher glaubhaft machen, dass er, den rassistischen Prämissen der NS-Ideologie zufolge, als „Mischling 1. Grades“ – umgangssprachlich „Halbjude“ – zu gelten hatte.
Doch auch dieser prekäre Schutz versagte im September 1944, als der Geiger zur Zwangsarbeit in der Dresdner Kartonagenfirma Adolf Bauer herangezogen wurde. Mit der Bombardierung der Stadt im Februar 1945, bei der auch das Fabrikgebäude zerstört wurde, endete seine Zwangsarbeit.
Nach Kriegsende entschloss sich das Ehepaar Striemer zur Emigration. Während Frau und Kind bereits 1950 nach São Paulo auswanderten, folgte Leonid Striemer ein Jahr später: Im Frühjahr 1951 reiste er über Berlin und Frankfurt am Main zunächst nach Zürich und anschließend nach Genua, wo er sich für die Überfahrt nach Brasilien einschiffte. In São Paulo gelang es dem mittlerweile 64-Jjährigen nicht mehr, eine eigenständige wirtschaftliche Existenz aufzubauen. Die Familie lebte in bescheidenen Verhältnissen, abhängig von der Unterstützung durch Freunde und Bekannte. Erst 1958 konnte er gegenüber der Bundesrepublik seine Anerkennung als Opfer der NS-Verfolgung erstreiten und erhielt fortan eine seiner einstigen Stellung angemessene Rente. Acht Jahre später, am 2. Juli 1966, ist Leonid Striemer in São Paulo gestorben.
1887 Rostow am Don
1966 Sao Paulo