Karl Wollf wurde am 27. Juni 1876 in Koblenz geboren. Nachdem er in Rechtswissenschaft und Germanistik promoviert hatte, wurde er 1912 Dramaturg am Hoftheater München. 1916 wechselte er, ausgestattet mit einem Dreijahresvertrag, an das Dresdner Königliche Schauspielhaus. Hier geriet er erstmals in seiner Theaterkarriere als Jude in Konflikte: Der König zeigte sich wegen „gewisse[r] semitische[r] Tendenzen“ des Dramaturgen, die sich bei der Auswahl der Stücke wie bei Engagements negativ auswirken könnten, besorgt. Er ließ deshalb seinen Theaterdirektor, den Grafen von Seebach, wissen, er habe den Auftrag erteilt, „die Tätigkeit des Dr. Wollf gewissenhaft zu kontrollieren“. Als am 10. Februar 1918 Reinhard Goerings pazifistisches Stück Seeschlacht in nationalen Kreisen einen Skandal auslöste, wurde Wollfs Stellung unhaltbar: Sein Vertrag sollte nun, gegen den Willen Seebachs, aufgelöst werden. Die Novemberrevolution von 1918 rettete ihn.
Wollf blieb Chefdramaturg und bestimmte das Gesicht des Schauspielhauses in seiner kreativsten Phase: Er gewann den Regisseur Berthold Viertel für Dresden, die Programmzettel wurden „Strategiepapiere“ und in seiner Zeitschrift Der Zwinger fanden die Debatten über das Gegenwartstheater statt. Selbst sein schärfster Gegner, der Theaterkritiker des Dresdner Anzeigers, musste zugeben: „Ein scharfer Intellekt; dialektisch geschickt; philosophisch gebildet“. Aber seit dem im Januar 1924 von antisemitischen Studenten, antidemokratischen Wehrverbänden und NSDAP-Aktivisten provozierten Skandal um die Aufführung von Ernst Tollers expressionistischem Drama Hinkemann wurde Wollfs Spielraum auf das klassische Repertoire eingeschränkt. Er versuchte zwar, sich 1927 durch Einrichtung einer den Werken junger Autoren gewidmeten Aktuellen Bühne aus dieser Einschnürung zu befreien, das Experiment dauerte aber nur ein Jahr. Dann kamen die Nazis: Seit 1929 forderten sie im Landtag mit gleichbleibenden Anträgen, „den Posten des Dramaturgen Wollf einzusparen“. Ihr Hass entsprang einer typischen antisemitischen Verschwörungstheorie: Der Spielplan werde nicht durch ihn gestaltet, sondern von den Dresdner Neuesten Nachrichten gesteuert, bei denen sein Vetter Julius Ferdinand Wollf Chefredakteur und Anteilseigner war. Die Attacken im Parteiorgan Der Freiheitskampf verliefen nach demselben Muster.
Daher wundert es nicht, dass Wollf schon am 7. März 1933 zusammen mit Fritz Busch abgesetzt und am 30. Juni offiziell entlassen wurde. Er betätigte sich fortan als begehrter Referent zu philosophischen, literarischen und theologischen Themen in Prag, Wien, London sowie in zahlreichen Städten Hollands und der Schweiz. Im Frühjahr 1939 emigrierte er nach Frankreich, wo er nach Kriegsbeginn zeitweilig interniert wurde. Im Mai 1942 gelang ihm die Flucht nach London. Dort wurde er Mitglied der deutschen Abteilung des P.E.N. und des Club 1943, eines Vereins emigrierter Künstler und Wissenschaftler. Karl Wollf, der inzwischen englischer Staatsbürger geworden war, blieb auch nach Kriegsende in England, publizierte Bücher und hielt Vorträge. Am 13. Juni 1952 ist er in London gestorben.
1876 Koblenz
1952 London