Der am 20. Dezember 1890 in Köln geborene Josef Gielen begann nach dem Studium der Kunstgeschichte und Germanistik seine Karriere 1913 als Schauspieler in Bernburg und Düsseldorf. Danach war er vier Jahre Soldat. Seit 1919 in Königsberg engagiert, kam Gielen 1921 ans Hessische Landestheater in Darmstadt und wechselte hier ins Regiefach. Schon seine zweite Inszenierung – die Erstaufführung von Büchners Leonce und Lena – erregte 1923 einen Skandal und führte zu heftigen Debatten im Landtag.
1924 erhielt Gielen ein Engagement an die Dresdner Staatstheater. Es wurde für ihn „die glücklichste Berufszeit seines Lebens“. Die Jungen und politisch Wachen begrüßten ihn als „den starken Gegenpart“ zu den „Traditionalisten“ am Haus. Und er enttäuschte sie nicht: 1924 und 1925 inszenierte er Zeitstücke wie Arnolt Bronnens Anarchie in Sillian und Fritz von Unruhs Louis Ferdinand, Prinz von Preußen, 1927 und 1928 folgten die Uraufführungen von Franz Jungs Legende und Gerhard Menzels Toboggan. Noch wichtiger als die Aktualität der Stoffe war der unverwechselbare Stil, der Gielens Regie von dem Gewohnten abhob: Die Kritiker beschrieben das „atemberaubende Tempo“, in dem ein Stück „gespenstisch vorüberhetzte“ und notierten, was daraus entstand: eine „eingepreßte Dichtigkeit […], die keine schauspielerischen Kräfte leer und ungenützt entweichen ließ“. Es war kein Wunder, dass Fritz Busch sich Gielen vom Schauspielhaus auslieh – für die Uraufführungen von Kurt Weills Der Protagonist (1926), Heinrich Kaminskis Jürg Jenatsch (1929) und Mark Lothars Lord Spleen (1930).
Auch Richard Strauss nutzte das Talent des Regiestars für seine Oper Arabella – statt Busch und Reucker, denen die Uraufführung in Dresden ursprünglich anvertraut worden war, nahmen jetzt Clemens Krauss und Josef Gielen am 1. Juli 1933 den Jubel des Premierenpublikums entgegen. Das Schicksal, das so viele seiner Kolleginnen und Kollegen im März 1933 erfahren hatten, schien Gielen nicht teilen zu müssen. Es sollte ihn 1935 einholen. Gielen war seit 1922 mit der jüdischen Schauspielerin Rose Steuermann verheiratet und galt damit nach den neuen „Rassegesetzen“ als „jüdisch versippt“. Als er deshalb in Dresden Repressalien ausgesetzt war, kündigte er 1936 seinen Vertrag und folgte der Einladung von Clemens Krauss an die Berliner Staatsoper. Aber die Hoffnung auf Görings schützende Hand sollte sich als trügerisch und Berlin nur als Aufschub erweisen. Nachdem er, ausgestattet mit einem Dreijahresvertrag, zunächst von der „Reichskulturkammer“ eine Sondergenehmigung erhalten hatte, ging plötzlich alles sehr schnell: Im Juni 1937 wurde sein Vertrag auf Anweisung von Göring aufgelöst. Gielen emigrierte nach Österreich und 1939 nach Argentinien, wo er als Chefregisseur am Teatro Colón in Buenos Aires wirkte. Vom Diktator Juan Perón 1948 ausgewiesen, kehrte er nach Wien zurück und arbeitete am Burgtheater. Am 19. Oktober 1968 ist Josef Gielen in Wien gestorben.
1890 Köln
1968 Wien