Im damals noch österreichischen, heute polnischen Rzeszów als Sohn eines Hoteliers geboren, absolvierte Hermann Horner sein Gesangsstudium in Belgien. Während des Ersten Weltkrieges war er Soldat in der österreichisch-ungarischen Armee. Er begann seine Gesangskarriere nach Kriegsende an der Flämischen Oper in Antwerpen und kam über Stationen an den Stadttheatern von Lemberg und Breslau 1924 für eine Spielzeit an die Berliner Staatsoper. Von 1925 bis 1927 sang er am Deutschen Theater Prag, ab 1927 an der Nürnberger Oper; 1929 wurde er Ensemblemitglied der Oper in Stuttgart. 1928 war der Sänger bei den Bayreuther Festspielen aufgetreten.
Horners breites Repertoire und seine Beliebtheit beim Publikum machten ihn in Stuttgart schnell zu einem der wichtigsten Vertreter seines Stimmfaches. Einzig der NS-Kurier, die örtliche Nazi-Zeitung, übte seit ihrer Gründung 1931 beständig Kritik an Horners künstlerischen Fähigkeiten: Er sei „ein Fasolt, der kaum überzeugte“, als Sarastro eine glatte „Fehlbesetzung“ und genüge als Herzog in Pfitzners Das Herz „weder in Stimme noch im Spiel“. Es ging bei diesen Attacken nicht um den Künstler, gemeint war der Jude Horner: Er versuche als Hagen vergeblich, „sich in seine Rolle einzuleben“, sein König Marke überzeuge nicht, weil „ihm das Gesungene innerlich fremd“ bleibe und, so gut seine Stimme in italienischen Opern sei, „hier bei Wagner ist sie zu glatt, zu kraftlos“. All das waren Variationen eines verbreiteten antisemitischen Stereotyps: Juden seien aus rassischen Gründen unfähig, die Werke der deutschen Kunst zu verstehen und zum Leben zu erwecken.
Nach der Machtübernahme der NSDAP 1933 erhielt Hermann Horner, wie andere prominente Stuttgarter Ensemblemitglieder, Ende März die Kündigung. Sein Lebensweg in den folgenden Jahren lässt sich nur noch bruchstückhaft rekonstruieren: Horner fand von 1933 bis 1935 eine Anstellung am Theater von Aussig/Ústí nad Labem in der Tschechoslowakei und kehrte später mit seiner Familie zurück in seine Heimatstadt Rzeszów. Nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 wurden die Juden zunächst in Arbeitslager eingewiesen und ab 1941 in ein Ghetto eingepfercht, in das außerdem Zehntausende Juden aus dem Umland getrieben wurden. Viele von ihnen starben infolge der unmenschlichen Lebensumstände, der Zwangsarbeit oder durch die Mordaktionen der deutschen Besatzer. Auch Hermann Horner überlebte die Verfolgung nicht: Ob er im Ghetto von Rzeszów starb oder ob er mit den ab Juli 1942 einsetzenden Deportationen zur Ermordung in das Vernichtungslager Bełżec verschleppt wurde, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Horners Familie, seine Ehefrau Khana und die gemeinsamen Kinder Eva, Mario und Ludvik kamen ebenfalls unter nicht näher bekannten Umständen ums Leben.
1892 Rzeszów
1939 Rzeszów