Der am 5. Dezember 1899 in Basel geborene Schauspieler Hermann Gallinger debütierte 1920 am dortigen Stadttheater. Nach Engagements in Frankfurt, Altona, Bremen und Zürich kam er 1927 ans Landestheater Darmstadt. Die Kritik lobte ihn für die Hauptrolle in Nikolai Gogols Der Revisor: Er sei „nicht fertig in allem, aber doch schon stark in der Formung“. Schon bald war Gallinger einer der meistbeschäftigten Darsteller des Hauses, eingesetzt in Zeitstücken, Komödien und Operetten. Erst Intendant Gustav Hartung besetzte ihn auch in klassischen Rollen, so in Romeo und Julia, Wallensteins Tod, Michael Kramer und führte ihn in André Gides Ödipus im Mai 1932 zu einem Triumph. Ein Jahr später war der Publikumsliebling aus dem Landestheater vertrieben.
Hermann Gallinger und sein Freund Karl Paryla waren die ersten, die drei Tage nach der Amtsenthebung des Intendanten Gustav Hartung beurlaubt wurden. Da man sie „für den Rest der Spielzeit“ nicht mehr brauche, könnten sie, so die Theaterleitung, sofort abreisen. Als die Auszahlung ihrer Gagen gesperrt wurde, wehrten sie sich: Ihr Anwalt erzwang nach drei Monaten die Freigabe. Die überstürzte Beurlaubung war erfolgt, weil Gallinger und Paryla als „Kommunisten“ galten. Offensichtlich fürchteten die neuen Machthaber, die beiden Freunde könnten, durch ihren Schweizer bzw. österreichischen Pass und ihren Ruf als Publikumslieblinge geschützt, den Widerstand gegen die geplante Massenentlassung organisieren. Zudem wollte der neue Theaterreferent der NSDAP, Werner Kulz, seinen Parteigenossen demonstrieren, dass er frei von privaten Rücksichten die beschlossene Säuberung radikal exekutierte – Gallinger war sein Schwager. Wie berechtigt die Befürchtungen der Nazis waren, zeigte die Tatsache, dass Der Datterich, eine Wochenzeitung, die mit scharfzüngiger Ironie die Ereignisse in der Stadt kommentierte, am 24. März 1933 die Rücknahme der beiden Kündigungen forderte.
Hermann Gallinger kehrte im April nach Basel und ans Stadttheater zurück. Schon im ersten Stück, das der ebenfalls nach Basel geflohene Gustav Hartung dort im Mai 1933 inszenierte, spielte er eine der Hauptrollen. Auch die Hausregisseure schätzten den prominenten Heimkehrer. In der Revue Grüezi, einem Bühnenrenner, konnte Gallinger 1935 sein musikalisches Talent beweisen. Sein politisches Engagement blieb ungebrochen: 1937 wurde er zur Zielscheibe der rechtsradikalen Nationalen Front, weil er bei einer Solidaritätsveranstaltung für die bedrohte spanische Republik mitwirkte und in Karel Capeks antifaschistischem Stück Die weiße Krankheit eine Hauptrolle übernahm. Als Gustav Hartung im gleichen Jahr Oberspielleiter am Basler Stadttheater wurde, war Hermann Gallinger längst einer der beliebtesten Schweizer Schauspieler. Die Mitwirkung in zahlreichen Filmen festigte diesen Ruf. Als Nathan, Julius Cäsar, Caliban, Shylock spielte er jetzt die großen Rollen der Weltliteratur und half gleichzeitig, als Feldprediger in Mutter Courage und ihre Kinder oder als Barbier in Der gute Mensch von Sezuan die Stücke Bertolt Brechts durchzusetzen. Hermann Gallinger blieb bis 1952 Mitglied des Basler Stadttheaters. Am 3. Juni 1962 ist er in Ronco sopra Ascona im Tessin verstorben.
1899 Basel
1962 Ronco sopra Ascona