Heinrich Wollheim wurde am 26. Februar 1892 in Singen am Hohentwiel als Sohn eines jüdischen Arztes geboren und verbrachte seine ersten Lebensjahre in Kairo. Nach dem Tod des Vaters zog die Familie 1899 nach Konstanz. Wollheim begann 1912 ein Musikstudium am Bernuthschen Konservatorium in Hamburg, das er, unterbrochen durch den Kriegsdienst, an der Berliner Hochschule für Musik fortsetzte. 1924 wurde er Bratschist im Orchester der Berliner Staatsoper. Daneben spielte er in einem Kammerorchester und gelegentlich bei den Berliner Philharmonikern, wo er Wilhelm Furtwängler kennenlernte. Auch die Volksbühne engagierte den vielseitigen Musiker in der Spielzeit 1932/33 für Operetten und Theatermusiken.
1933 veränderte sich alles. In der Staatsoper kursierte eine Liste der Nazi-Betriebszelle mit allen Juden im Haus. Auch Wollheim war dort als „Halbjude“ eingetragen. Zwar konnte er für sich den Status eines „Frontkämpfers“ des Ersten Weltkriegs geltend machen und damit seine Entlassung zunächst verhindern, doch machte der zunehmende Verfolgungsdruck diesen Schutz zunichte: Zum Ende des Jahre 1937 wurde Wollheim zwangspensioniert.
Der Musiker plante zunächst, Deutschland zu verlassen. Obwohl seinem Antrag auf Ausreise in die USA stattgegeben wurde, entschieden er und seine Frau Elsa sich dafür zu bleiben. 1939 zogen sie nach Kattenhorn an den Untersee, dorthin, wo der Rhein den Bodensee verlässt. Auf der anderen Seite lag die Schweiz.
Das Haus der Wollheims wurde in den folgenden Jahren zum Treffpunkt verfolgter jüdischer Bekannter aus Berlin, von denen Wollheim durch seine genaue Kenntnis der Gegend und seine Kontakte zu Nazi-Gegnern auf der Schweizer Seite einer bislang ungeklärten Zahl zur Flucht verhalf. Doch als am 22. April 1943 ein Fluchtversuch misslang, wurde Wollheim verhaftet und als politischer Häftling ins KZ Dachau überführt.
Als „Mischling 1. Grades“, so die nationalsozialistische Kategorisierung, gehörte Wollheim zu den besonders gefährdeten Häftlingen. Er wurde einer Abteilung für medizinische Menschenversuche zugewiesen. Doch ein Glücksfall rettete ihn. Der KZ-Arzt war ein alter Berliner Bekannter, der ihn als Versuchsperson für untauglich erklärte. Zudem sorgte der berühmte Dirigent Wilhelm Furtwängler dafür, dass er der drohenden Deportation in die Vernichtungslager entkam. Furtwängler erreichte, dass Wollheim für ihn in einem gesonderten Arbeitsraum Noten kopieren durfte, bis das Lager am 29. April 1945 von der US-Armee befreit wurde. Auch nach Kriegsende arbeitete Wollheim weiter an Furtwänglers Partituren und betätigte sich unter anderem auch als Kopist für Otto Klemperer. Am 29. November 1974 ist Heinrich Wollheim in Konstanz gestorben.
1892 Singen (Hohentwiel)
1974 Konstanz