Der am 24. April 1893 in Stockholm geborene Schwede hatte nach einem Wirtschaftsstudium seine Theaterlaufbahn 1914 als Regieassistent bei Max Reinhardt begonnen und an der Hofoper in München fortgesetzt. Danach hatte er an den Theatern von Bern, Frankfurt und Riga inszeniert, bis er 1919 als Regisseur an der Hofoper in Stockholm engagiert worden war. Der Stuttgarter Intendant Albert Kehm kannte ihn aus der gemeinsamen Zeit am Stadttheater Bern und hatte ihn als Nachfolger für den bisherigen Oberspielleiter vorgeschlagen. Der einzige Einwand gegen Stangenberg im zuständigen Theaterausschuss war, dass er Ausländer sei. Am 1. August 1927 trat Harry Stangenberg sein Engagement am Württembergischen Landestheater an.
Der neue Oberspielleiter inszenierte von den jeweils zehn Produktionen einer Spielzeit mindestens die Hälfte. Darunter waren Zeitopern wie Paul Hindemiths Cardillac, Ernst Kreneks Jonny spielt auf und Leben des Orest, Kurt Weills und Georg Kaisers Der Protagonist/Der Zar lässt sich photographieren, aber auch interessante Neuentdeckungen wie Arrigo Boitos Nero, Jacques Halévys Die Jüdin, Igor Strawinskys Geschichte vom Soldaten oder Antonín Dvořáks Rusalka. Aber Stangenberg konnte dieses spannende Programm nur drei Jahre durchhalten, dann dominierte wieder der klassische Kanon den Spielplan des Landestheaters. Schon zur Aufführung erworbene bzw. geplante Opern wie Alban Bergs Wozzek, Mahagonny von Brecht/Weill oder Jaromir Weinbergers Die Leute von Poker Flat mussten, so die interne Sprachregelung, in Erwartung „einer Beruhigung der politischen Verhältnisse“ aufgegeben werden.
Die NSDAP nahm die im Oktober 1930 in Stuttgart uraufgeführte Komödie Schatten über Harlem von Ossip Dymow zum Anlass für eine Hassorgie gegen Schwarze und Juden. Wenig später machte sie Harry Stangenberg zum Muster des „schmarotzenden und artfremden“ Ausländers. „Am Stuttgarter Landestheater“, so der Völkische Beobachter am 20. November 1930, „befindet sich ein Ausländer (Schwede) Harry Stangenberg, der auch Jude sein soll. Dieser Herr […] ‚pflegt’ seit zwei Jahren auf seine Art und Weise ‚deutsche Kunst’. […] Der deutsche Steuerzahler zahlt den Ausländer, der deutschen Volksgenossen den Platz versperrt und mit deutschem Gelde großzügig fremdländische und jüdische Opernwerke inszeniert. Wie lange noch?“ Der Stuttgarter NS-Kurier setzte nach und attackierte Stangenberg wegen seines angeblich nur der Willkür folgenden „modernen“ Regiestils. Für Richard Wagners „unsterbliche Werke“ fehle ihm gar jedes Verständnis.
„Wie lange noch?“ hatte der Völkische Beobachter drohend gefragt. Die Antwort erfolgte Ende März 1933. Der neue Intendant und NSDAP-Parteigenosse Otto Krauß ließ Harry Stangenberg wissen, dass er der „völligen Umorganisation der Leitung“ im Weg stehe. Um diplomatische Verwicklungen zu vermeiden, empfahl man dem Schweden hinterlistig, sich doch an Berliner Theatern zu bewerben. Aber für Leute wie Stangenberg gab es in Deutschland keinen Platz mehr. Am 12. Juli 1933 ging er zurück nach Schweden. Er arbeitete dort als freier Regisseur und ab 1938 wieder als Oberspielleiter der Stockholmer Hofoper. Harry Stangenberg starb am 3. November 1941 in Stockholm.
1893 Stockholm
1941 Stockholm