Unter dem Namen May am 30. Januar 1887 in Bartenstein geboren, begann Gustav Hartung seine Karriere als Schauspieler bei Max Reinhardt in Berlin. Während seines Engagements am Frankfurter Schauspielhaus von 1914 bis 1920 wurde er dessen wichtigster Regisseur und einer der Geburtshelfer des expressionistischen Theaters. In Darmstadt führte Hartung die neue Kunstform mit Stücken von Kasimir Edschmid, Fritz von Unruh und Carl Sternheim auf ihren Höhepunkt. In der Theatermetropole Berlin sprach man deshalb vom „Darmstädter Expressionismus“. Hartungs genialische Handschrift verriet sich in der restlosen Vereinheitlichung aller Elemente der formal zerfetzten Stücke, in einer ingeniösen Versinnlichung der meist abstrakt-idealistischen Werkidee, in der Verwandlung der individuellen Schauspielerpotenzen zu einer überwältigenden Gesamtenergie. Dieser Stil prägte auch Hartungs Klassiker- und Operninszenierungen. Aber während die überregionale Kunstprominenz zu seinen Premieren strömte, organisierten die deutschnational-christlichen Lokalzeitungen und Landtagsparteien das Kesseltreiben auf den Theatererneuerer. 1924 wechselte Hartung entnervt nach Köln. Ab jetzt verließ ihn sein Glück: Wegen eines angeblich „unsittlichen“ Stücks aus der Zeit Shakespeares wurde ihm schon 1925 gekündigt, und die 1926 glanzvoll begonnenen Heidelberger Schlossfestspiele scheiterten schließlich ebenso wie die 1927 erfolgte Übernahme des Berliner Renaissance-Theaters. 1931 wurde er noch einmal, gegen die wütenden Proteste einer vom Zentrum bis zur NSDAP reichenden Einheitsfront, nach Darmstadt berufen. Seine an theatralischen Höhepunkten reiche Intendanz endete am 13. März 1933: Der neugewählte Staatspräsident Ferdinand Werner ließ ihm mitteilen, er sei aufgrund „seiner politischen Vergangenheit“ für den neuen Staat „nicht tragbar“.
Am 15. März 1933 überschritt Gustav Hartung die Schweizer Grenze. Schon im Mai inszenierte er in Basel, es folgten Arbeiten am Zürcher Schauspielhaus, darunter im November die Uraufführung von Ferdinand Bruckners Die Rassen, einer flammende Anklage gegen die beginnende Judenverfolgung in Deutschland. Hartung hatte schon kurz nach seiner Ankunft im Radio die neuen Machthaber attackiert. Im Juli 1934, aus Anlass der Wiedereröffnung der Heidelberger Festspiele durch Goebbels und in Erinnerung an die Ermordung des Schauspielers Hans Otto durch die SA, warnte er in einem offenen Brief die in Deutschland gebliebenen Künstler: „Wer sich vor Mördern und Mordgesellen verbeugt, glorifiziert den Mord und macht ihn zum Vorbild.“ Solche deutlichen Worte machten Hartung zum Hassobjekt der Nazis, die über ihre Schweizer Sympathisanten und die deutsche Botschaft Druck ausübten: Seine 1934 erfolgte Wahl zum Berner Theaterintendanten wurde annulliert, den 1937 abgeschlossenen Vertrag als Oberspielleiter in Basel ließ man wegen eines von Goebbels verhängten Boykotts nach zwei Spielzeiten auslaufen. Der mittlerweile herzkranke Regisseur musste sich fortan als Schauspiellehrer am Basler Konservatorium durchschlagen. Gustav Hartung verließ im Oktober 1945 die Schweiz, um die Leitung der Kammerspiele in Heidelberg zu übernehmen. Dort ist er am 14. Februar 1946 gestorben.
1887 Bartoszyce (Bartenstein)
1946 Heidelberg