Fritz Wisten wurde am 25. März 1890 als Moritz Weinstein in Wien geboren und erhielt an der dortigen Akademie für Musik und darstellende Kunst seine Ausbildung zum Schauspieler. Danach folgten Engagements am Märkischen Wandertheater sowie an den Stadttheatern in Kattowitz und Teplitz- Schönau. In Eisenach erarbeitete er sich von 1915 bis 1918 ein großes Repertoire an Rollen im klassischen Jugendfach. Das half ihm, als er nach Zeiten der Arbeitslosigkeit 1921 ans Landestheater Stuttgart geholt wurde. Dort beeindruckte er bereits mit seinen ersten Auftritten. In den folgenden Jahren brillierte er als Jago, Mephisto, Wurm, Gessler, Caliban, Richard III., Ödipus, Fiesco oder Shylock. Schon 1925 hatte ihn Hermann Missenharter, der politisch rechtsaußen stehende Theaterkritiker der Württembergischen Zeitung, als den „besten Schauspieler unserer Bühne“ gewürdigt und seine Besonderheit so beschrieben – „ein virtuoser Komödiant mit der Träne im Wappen.“ Auch privat hatte Fritz Wisten in Stuttgart Glück: Seit 1923 war er mit der aus Stuttgart stammenden Schauspielerin Gertrud Widmann verheiratet. Sie rettete ihm später das Leben.
Fritz Wisten spielte nicht nur die großen Klassiker, sein Name findet sich auch in den Zeitstücken von Ernst Barlach, Friedrich Wolf, Bernhard Blume und Bertolt Brecht, deretwegen Stuttgart damals einen guten Ruf hatte. Und er stand auf der Bühne, als Völkische und Nazis 1924 und 1930 die Absetzung von Dantons Tod und Schatten über Harlem erzwangen, um ihr von vermeintlich artfremdem und undeutschem Geist befreites Theater durchzusetzen. „Und nun, das Interessanteste“, hetzte im Oktober 1930 die NSDAP-Zeitung Völkischer Beobachter anlässlich der Premiere von Schatten über Harlem, „der jüdische Schauspieler Wisten, der Einflussreichsten einer am Landestheater, schwingt das Beil gegen die Zuschauermenge! Das letzte, das krönende Wort fällt: Moskau! Moskau ist das Heil! […] Moskau steht an der Rampe, kein dummer Niggerboy! Juda schreit Rache an der weißen Rasse!“
Am 27. März 1933 schließlich hatten die Nationalsozialisten ihr Ziel erreicht. Mit anderen prominenten Kollegen wurde auch Fritz Wisten entlassen: Er werde „bei der beabsichtigten Neuordnung“ des Landestheaters nicht mehr benötigt. Der Vertriebene ging mit seiner Familie nach Berlin, wo ihn der Jüdische Kulturbund dringend brauchte – zuerst als Schauspieler, dann als Regisseur und schließlich von 1939 bis zur Auflösung 1941 als künstlerischen Leiter. Sein Leben war eines am Abgrund: Bis 1938 war Fritz Wisten als Österreicher, dann nur noch als Ehemann einer „arischen“ Ehefrau geschützt. Nach dem Sturm auf die Synagogen am 9./10. November 1938 wurde er für drei Tage ins KZ Sachsenhausen eingeliefert, 1942 erfolgte eine erneute Verhaftung. Nur die Intervention von Admiral Wilhelm Canaris – er wohnte in der Nachbarschaft der Wistens – verhinderte schlimmeres und führte zur Freilassung. Ab Oktober 1943 muss Fritz Wisten als Zwangsarbeiter in einer Berliner feinmechanischen Fabrik arbeiten. Nach der Befreiung am 8. Mai 1945 setzte er das fort, was er im Jüdischen Kulturbund in Berlin begonnen hatte: Zunächst als freier Regisseur tätig, wurde er 1946 Intendant des Theaters am Schiffbauerdamm und, durch Bertolt Brecht von dort verdrängt, von 1954 bis 1962 Leiter der Volksbühne. Am 12. Dezember 1962 ist Fritz Wisten in Berlin gestorben.
1890 Wien
1962 Berlin