Der am 26. Dezember 1900 in Düsseldorf geborene Solorepetitor kam vom Münchener Nationaltheater im August 1927 als Kapellmeister an das Hessische Landestheater Darmstadt. Hier stand er, von der Kritik mit großem Lob bedacht, bei vielen Repertoireaufführungen und Extravorstellungen am Pult. Wegen seiner jüdischen Herkunft am 3. Juni 1933 entlassen, ging der Musiker in seine Heimatstadt Düsseldorf zurück und wirkte bis 1938 als Chor- und Orchesterleiter im dortigen Jüdischen Kulturbund. Im Herbst 1941 arbeitete er, wie aus einer von der Geheimen Staatspolizei erstellte Liste der zur Deportation vorgesehenen Düsseldorfer Juden hervorgeht, als „Friedhofsarbeiter“.
Zur selben Zeit, im Oktober 1941, hatte die systematische Deportation der im Reichsgebiet verbliebenen Juden in die Ghettos und Lager im besetzten Osteuropa begonnen. Auch aus Düsseldorf war noch im selben Monat ein erster Deportationszug in das Ghetto Lodz abgegangen. Am 10. November 1941 folgte dann ein zweiter Transport, zu dessen Insassen auch Erwin Palm gehörte. Ein Düsseldorfer Polizeioffizier, der als Teil der Wachmannschaft den Zug begleitete, fertigte nach seiner Rückkehr einen Bericht für seine Vorgesetzten, der den Verlauf der Deportation wie die Lebensumstände der Opfer eindrücklich dokumentierte.
Demnach wurden am frühen Morgen des 10. November 1941 am Güterbahnhof Düsseldorf-Derendorf insgesamt 748 jüdische Bürger aus Düsseldorf und Essen in einen Güterzug mit der Transportnummer DA 52 getrieben, der um 10.40 Uhr den Bahnhof in Richtung Wuppertal verließ. Dort angekommen, hängte das Bahnpersonal weitere Waggons mit insgesamt 244 Menschen an. Über Hagen, Soest, Paderborn, Altenbeken, Northeim, Nordhausen, Halle/Saale, Cottbus, Sagan (Żagań), Glogau (Głogów) und Łódź gelangte der Zug zunächst nach Warschau, wo die Lokomotive getauscht wurde. Die Insassen mussten während des dazu nötigen, achtstündigen Aufenthaltes und trotz eisiger Temperaturen von minus 12 Grad in den ungeheizten Waggons verharren. Anschließend wurde die in Richtung Białystok fortgesetzt, passierte der Zug bei Brest-Litowsk die ehemalige polnische Ostgrenze und gelangte schließlich nach insgesamt viertägiger Fahrt ins belarussische Minsk.
Bereits jetzt waren Hunderte Insassen am Ende ihrer Kräfte, weil nicht nur die Temperaturen weiter abgesunken, sondern auch die Versorgung mit Trinkwasser seit dem Überfahren der Grenze bei Brest-Litowsk eingestellt worden war: Das auf sowjetischem Gebiet nachgetankte Wasser, so rapportierte der Polizeioffizier, hätte abgekocht werden müssen, wozu jedoch keine ausreichenden Möglichkeiten bestanden. So habe er die Versorgung mit Wasser unterlassen, um „nicht bereits während der Fahrt Ruhr- und Typhusanfälle im Zuge“ zu haben. Bei ihrer Ankunft in Minsk, so der Bericht weiter, seien die Gefangenen daher „ziemlich weich“ gewesen, doch habe man das Ausladen „trotzdem mit der gewünschten Beschleunigung“ durchführen können: „Alle Juden sind auch den Weg von etwa 40 Minuten zum Ghetto marschiert.“
Angetrieben von deutschen Schutzpolizisten und lettischer Hilfspolizei gelangten die Menschen ins Minsker Ghetto, dessen vorherige Insassen kurz zuvor in einer Massenaktion erschossen worden waren, um Platz für die aus dem Reich deportierten Juden zu schaffen.
Von den insgesamt 992 Menschen dieses Transports DA 52 überlebten nur fünf. Erwin Palm gehörte nicht zu ihnen. Die genauen Umstände seines Todes sind unbekannt.
1900 Düsseldorf
1941 Minsk (Ghetto)