Ernst Ginsberg wurde am 7. Februar 1904 in Berlin geboren. Nach dem Abitur ging er 1922 zu einer freien Theatergruppe in Heide/Holstein und lernte bei deren Tournee durch Deutschland sein Handwerk. Nach Stationen an den Hamburger und Münchner Kammerspielen wie am Düsseldorfer Stadttheater kam er 1928 zur Volksbühne in Berlin und gastierte an fast allen Bühnen der Stadt. Man wurde auf ihn aufmerksam: „Gilt nach unbestrittenem Urteil als einer der intelligentesten Schauspieler der jungen Generation“, notierte der Darmstädter Intendant Gustav Hartung und warb um ihn. Ginsberg folgte 1932 dem Ruf in die Provinz – „um mich an großen klassischen Aufgaben zu bewähren“. Er spielte den Geßler in Wilhelm Tell, den Burleigh in Maria Stuart und den Don Alvaro in Der Richter von Zalamea. Der von der Kritik gefeierte Auftakt endete schon ein halbes Jahr später: Weil er Jude war, wurde er am 31. März 1933 beurlaubt. Weder sein Brief an die neue Theaterleitung, in dem er sich als „deutschen Schauspieler“ beschrieb, der sich nie in Deutschland „als ‚Gast’ fühlen“ werde, noch seine Unterredung mit dem neuen Theaterreferenten der NSDAP, Werner Kulz, konnten die Entlassung am 3. Juni 1933 verhindern. Kulz hatte Ginsberg zunächst für die „vielen großen Eindrücke“, die er durch ihn im Theater erlebt habe, gedankt, um dann bedauernd fortzufahren, dass jetzt die privaten „kleinen Interessen […] vor den größeren der rassischen Reinigung zurücktreten“ müssten.
Nachdem Ginsberg sich entschieden hatte, nicht im „Ghetto“ des Jüdischen Kulturbundes in Berlin Theater zu spielen, blieb ihm nur der Weg ins Exil. Als der erste Versuch in Wien Fuß zu fassen scheiterte, rettete ihn das Angebot des ebenfalls aus Darmstadt vertriebenen Intendanten Gustav Hartung, bei dessen Uraufführung von Ferdinand Bruckners Stück Die Rassen am Zürcher Schauspielhaus die Rolle des jungen Juden Siegelmann zu spielen. Das Stück wurde ein Fanal: Es zeigte, wie durch den Rassenwahn in Nazideutschland Liebende auseinander gerissen und Unschuldige ihres artfremden Blutes wegen öffentlich gedemütigt und zusammengeschlagen wurden. Ginsberg hat sich später an die Premiere am 30. November 1933, bei der Thomas Mann, Bruno Walter, Ernst Deutsch und andere prominente Vertriebene im Parkett saßen, so erinnert: „Die innere Spannung, in der ich mich befand, war fast unerträglich. Und dann kam eine Stimme von der Galerie; es war, wie ich später erfuhr, ein junger Schweizer, dem es unfasslich erschien, dass einer solches mit sich geschehen ließ. Er rief, er flehte mich an: ‚Siegelmann, Siegelmann, so hilf Dir doch!’ Es war der Einbruch der Zeit ins Theater.“
Ginsberg, dessen Vertrag zunächst immer nur für zwei Wochen verlängert wurde, blieb bis 1946 in Zürich. Er spielte alle großen Rollen der Theaterliteratur – Franz Moor, Carlos, Hamlet, Mephisto, Orest, Tasso. 1946 wurde er Oberspielleiter in Basel, ab 1952 pendelte er als Regisseur und Schauspieler zwischen Zürich und München. In diesen Jahren stieß er auf Molière. Diese Begegnung sei für ihn, „künstlerisches Schicksal und Glück“ geworden. Als Harpagon, Tartuffe und Alceste wurde Ernst Ginsberg endgültig einer der bedeutendsten deutschen Schauspieler des 20. Jahrhunderts. Am 3. Dezember 1964 ist er in Zürich gestorben.
1904 Berlin
1964 Zürich