Die Sängerin entstammte einer in Königsberg bekannten Musikerfamilie: Der Vater, Max Brode, war als Geiger ein Schüler Joseph Joachims gewesen, hatte als Dirigent das Philharmonische Orchester und die Singakademie in Königsberg geleitet, als Professor und akademischer Musikdirektor an der dortigen Universität gelehrt und das Musikleben der Stadt maßgeblich mitgeprägt. Auch seine Tochter begann eine vielversprechende Karriere: Nachdem sie von 1912 bis 1916 an der Berliner Musikhochschule Gesang studiert hatte, heiratete sie 1917 den österreichischen Maler Norbert Freiherr von Stetten und wurde ab 1923 unter dem Namen Emy von Stetten zur gefragten Konzert-, Oratorien- und Liedsängerin. 1924 trat sie bei den Göttinger Händel-Festspielen auf, 1925 gastierte sie als Olympia in Hoffmanns Erzählungen an der Dresdner Staatsoper, und 1929 war sie bei den Händel-Festspielen in Halle an der Saale zu hören. Seit dem 1. April 1929 war Emy von Stetten an der Staatlichen Akademie für Kirchen- und Schulmusik in Berlin als Lehrerin für Sologesang angestellt. Ihre Kollegen lobten sie als „gute Pädagogin“ und „hervorragende Künstlerin“, die „im Lehrerkollegium und in der Studentenschaft das beste Vertrauen“ genoss. 1933 wurde sie zu den Wagner-Festspielen nach Bayreuth eingeladen.
Die Machtübernahme der NSDAP 1933 beendete diese Karriere: Wegen ihres jüdischen Vaters galt Emy von Stetten fortan als Halbjüdin. Als im April an der Akademie die „Säuberungen“ begannen, kämpfte die Sängerin verzweifelt um ihre Stelle: Da sie während des Ersten Weltkrieges beim Roten Kreuz als Krankenschwester gearbeitet hatte, versuchte sie nun den schützenden Status eines „Frontkämpfers“ zu erlangen. Außerdem verwies sie auf die NSDAP-Mitgliedschaft ihres Ehemannes und darauf, dass sie selbst der Partei nur deshalb nicht angehört habe, weil ihr dies als im öffentlichen Dienst angestellter Lehrerin verboten gewesen sei – als „Nazifrau“ habe sie aber schon in der Weimarer Republik unter Anfeindungen gelitten. Diese Argumente verfingen ebenso wenig wie ihre Eingaben an das preußische Kultusministerium und den Ministerpräsidenten Hermann Göring: Am 10. Juli 1933 wurde sie entlassen und am 18. Juli 1933 – während ihres Aufenthaltes in Bayreuth – vom Akademiedirektor über das Scheitern ihrer Eingaben informiert. Zwei Jahre später, im August 1935, wurde Emy von Stetten aus der Zwangsorganisation der „Reichsmusikkammer“ ausgeschlossen und damit jeglicher Möglichkeit zur Berufsausübung beraubt. Erst nach einer längeren Auseinandersetzung gelang es ihr 1936, eine jederzeit widerrufbare „Sondergenehmigung“ zu erlangen.
Emy von Stetten lebte in den folgenden Jahren unter unbekannten Umständen in Berlin. Im Januar 1945 sollte sie als „Mischling“ zum „Arbeitseinsatz“ herangezogen werden – ob es dazu kam, ist bislang nicht bekannt. Nach Kriegsende wirkte sie bis 1948 an der Hamburger Volksoper und anschließend bis in die 1960er-Jahre als Dozentin an der Musikhochschule in Frankfurt am Main. Emy von Stetten starb am 22. Februar 1980.
1898 Kaliningrad (Königsberg)
1980 Frankfurt am Main