Alfred Reucker wurde am 30. März 1868 in Ründeroth bei Köln geboren und wuchs in Wien auf. Noch als Schüler einer Handelsschule debütierte er 1885 in einem Wiener Privattheater und ging im selben Jahr als Schauspieler ans Stadttheater Danzig, dem er zehn Jahre lang angehörte. 1895 wechselte er als Schauspieler, Regisseur und Oberspielleiter an das Deutsche Landestheater in Prag, bevor er 1901 die Direktion des Stadttheaters in Zürich übernahm. Als Reucker 1921 dort ausschied, war es ihm gelungen, dem Zürcher Theater „auch außerhalb der Grenzen [der Schweiz] Geltung zu verschaffen“.
Wohl deshalb wurde er 1921 auf die neu geschaffene Stelle des Generalintendanten der Staatstheater in Dresden berufen. Die Herausforderungen, denen er hier begegnete, waren wegen der Bedeutung der beiden Häuser und der von Bürgerkrieg und Inflation bestimmten Lage Deutschlands gewaltiger als im saturierten Zürich. Doch Reucker gelang es durch eine solide Haushaltspolitik, kontinuierliche Ensemblebildung und spektakuläre Uraufführungen, die Staatstheater zu konsolidieren. Dabei halfen ihm neben seiner großen Erfahrung und dem diplomatischen Geschick die Freundschaften zu prominenten Komponisten, seine Netzwerke an den deutschen Theatern, das Vertrauen, das er bei den wechselnden Landesregierungen genoss und vor allem die von gegenseitigem Respekt und Vertrauen getragene Übereinstimmung im engsten Führungszirkel. In seinem 1937 verfassten Letzten Willen nannte er als die wichtigsten „Begleiter“ seines langen Bühnenlebens seinen Stellvertreter Hans Reuter, den Leiter der musikalischen Einstudierung Erich Engel, den Obmann der Bühnenangehörigen Paul Paulsen und Fritz Busch, der „zwar ein rechter Sorgensohn“ gewesen sei, aber durch sein „künstlerisches Draufgängertum, sein sonniges Wesen, seine Anhänglichkeit“ alles Trübe wettgemacht habe.
Am 9. März 1933 wurde Reucker vom selbst ernannten Intendanten und langjährigen Ensemblemitglied Alexis Posse mit der Begründung entlassen, er habe die Staatstheater „nicht im deutschen Sinne“ geführt. Am 1. September 1933 folgte die Zwangspensionierung. Als ihn Propagandaminister Joseph Goebbels auf Vorschlag von Richard Strauss 1934 zum Präsidenten der Reichstheaterkammer machen wollte, habe er, wie er später schrieb, „der gleißenden Lockung“ seiner Rehabilitierung widerstanden – „ob der Greuel, mit denen sich die NSDAP entehrt hatte“. Alfred Reucker überlebte den Krieg in Dresden und starb dort am 14. Dezember 1958.
1868 Ründeroth (Köln)
1958 Dresden